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DAN MIRSKY ist vielleicht der leidenschaftlichste Kletterer, den ich kenne. Er liebt das Sportklettern, schon seit er es beim Studienbeginn am Colorado College im Jahr 2000 für sich entdeckt hat. Seitdem hat Dan es geschafft, sein Leben so zu gestalten, dass es sich akkurat um seine Kletterleidenschaft herum dreht.

In unserem Kletter-Paralleluniversum feiern wir diese Herangehensweise; zu arbeiten, um zu leben; und nicht zu leben, um zu arbeiten; entschlossen unsere Leidenschaft zu verfolgen, so schwer und so oft zu klettern wie möglich. Dan verkörpert diesen Lebensstil und er steht ihm gut, was für seine Mitmenschen eine Quelle der Inspiration bedeutet.
Doch manchmal passiert etwas, und unsere Welt wird erschüttert; diese etablierten Gewohnheiten geraten aus den Fugen; auf einmal erscheint die Hingabe ans schwer Klettern einfach nur egoistisch. Manchmal sterben Kletterer, die unsere Freunde waren. Und wenn das passiert, fragt man sich natürlich, warum wir nicht mehr tun, um Krebs zu heilen oder zumindest die Menschen zu unterstützen, die uns brauchen, als stattdessen nur den Umlenker an einem weiteren Felsklotz zu klippen.

Das waren einige meiner selbstkritischen Gedanken, denen ich nach dem Klettern in einer Kneipe nachhing, an diesem kalten Tag im November 2014. Der Tag, an dem mich der Anruf erreichte, aus dem hervorging, das Dave Pegg — Kletterer, Führerautor, emsiger Erschließer und de facto König von Rifle — Selbstmord begangen hatte.

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Dan und ich hatten uns 2004 kennengelernt, als wir beide unsere tiefgehende Beziehung zum Klettern in Rifle Mountain Park begannen, in einer Kletterszene ohne Gleichen in Amerika. Die Leute hier nahmen ihre Projekte todernst, und ein Jahr oder mehr für eine Rotpunktbegehung zu investieren, war völlig üblich. Einer der Gründe, warum Dan und ich gute Freunde wurden, war, dass wir anfangs beide das Klettern, oder uns selbst, nicht ganz so ernst nahmen wie die anderen. Allerdings waren wir damals noch jung genug, um trotz Trinkspielen am Freitag abend samstags früh aufzustehen und noch ein oder zwei Routen zu ticken, wenn die Bedingungen gut waren.

Der berühmteste ernsthafte Kletterer von Rifle war der Sehr Ernsthafte Kletterer (SEK), Dave Pegg, dessen Frau Fiona über ihn mit diesem Akronym sehr beliebte Glossen veröffentlichte, die unter anderem im Magazin Rock and Ice und im klettern-Magazin gedruckt wurden. In ihren unter geduldigem Augenrollen erzählten Geschichten verfolgte der SEK immer fixe Ideen wie einer neuen Ernährungsform oder einem Trainingsprogramm, von denen er glaubte, sie seien der Schlüssel zum Durchstieg seines neuesten Projekts.

Dave kam aus England und hatte in Sheffield begonnen zu klettern; er entwickelte seine Fähigkeiten beim Tradklettern und als Erstbegeher im Grit. 1996 kam er in die Vereinigten Staaten und arbeitete als Redakteur beim Climbing Magazine. Am Schreibtisch zu sitzen und Chalkbesprechungen zu fabrizieren war aber nicht so sein Ding, und irgendwann verließ er das Magazin, um seine eigene Version des American Dream zu gestalten und sich selbstständig zu machen: mit Wolverine Publishing. Sein erster Kletterführer, Western Sloper, war ein Kletterführer für Rifle.

„Daves liebste Beschäftigung ist geheim, und seine zweitliebste Beschäftigung ist Neue Routen einrichte,“ schrieb Dave über sich selbst in diesem ersten Kletterführer.








Dave Pegg war ein Kletterer, Führerautor, emsiger Erschließer und de facto König von Rifle.

Episode 5 Media Tile
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In den nächsten zehn Jahren wurde Dave eifriger Routenerschließer im Westen Colorados und richtete hunderte Routen ein, nicht nur in Rifle, sondern auch in Fortress of Solitude, Main Elk, Pup Tent, West Fortress, der Distillery und Hogwarts, das er nach dem von ihm geliebten Harry Potter-Epos benannte.

Wolverine Publishing lief und brachte Führer zu Klettergebieten im ganzen Land heraus; außerdem Rad-Guides, Kajak-, Wander-, Reit- und Ski-Führer. Die Führer waren Kunstwerke, gedruckt auf dickem Papier, mit wunderschönen Bildern, exakten Routenbeschreibungen sowie historischen und kulturellen Essays von Locals. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass Daves Führer Leute zusammenbrachten und die Community prägten, wie es sonst keine Führer geschafft hatten.

Ich erinnere mich noch an den Tag, als Dave eine 5.14a in Rifle geklettert hat - 20 Jahre nach seiner ersten und bis dahin einzigen; diese hieß The Gayness und er hatte sie 6 Jahre lang versucht, vielleicht noch länger. Ich erinnere mich an den Tag, weil ich auf Daves Gestüt arbeitete, Holz machen für 15 Dollar die Stunde; ein Job, den Dave mir anbot als ich etwas klamm war und das Geld brauchte. Als er an dem Tag vom Klettern zurückkam, war er überglücklich.

Diese Route zu klettern, war eine große Sache für Dave. All die Jahre des Sehr Ernsthaften Kletterns hatten sich gelohnt für den SEK, und so wie er sich bei jeder unserer Rotpunktbegehungen über die Jahre gefreut hatte, war die gesamte Klettercommunity von Rifle nun enorm stolz auf ihn.

Es war fast tags darauf, als Dave mit einer unerklärlichen Schlaflosigkeit zu kämpfen hatte, die immer schlimmer wurde, und über das kommende Jahr noch schlimmer. Er konnte sich fürs Klettern kaum noch begeistern, war weniger motiviert, Routen zu erschließen und war nicht mehr der gewohnt gutgelaunte Dave, obwohl er dies gut zu verbergen wusste. Ich traf ihn zwei Wochen vor seinem Selbstmord und er erzählte mir, dass er immer noch Schlafstörungen hatte, aber seine Worte klangen gutgelaunt.

Die Nachricht von seinem Tod war das letzte, was ich erwartet hatte. Es wollte mir nicht einleuchten, wie jemand so erfolgreiches, der so viel klettern konnte wie er wollte und so beliebt war, all dies nicht mehr wahrnahm. Zusammen mit allen anderen in der Klettercommunity von Rifle kämpfte ich mit der Frage, ob ich irgend etwas hätte tun können.

Zusammen mit allen anderen in der Klettercommunity von Rifle kämpfte ich mit der Frage, ob ich irgend etwas hätte tun können.

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Dave hinterließ einiges: Dutzende von unglaublich motivierenden Kletterführern, hunderte von Erstbegehungen (einige genial, andere brüchig wie Hölle), und tausendfach Lachen und Tränen. Er hinterließ aber auch weltliche Dinge: Schlingen in Projekten, Fixseile in neuen Klettergebieten und unvollendete Routen, die nach mehr Bohrhaken oder einer Erstbegehung riefen.

Bei seiner Beerdigung betonte Daves guter Freund und Kletterpartner Bill Ramsey, ein Philosophie-Professor der University of Las Vegas, dass es nicht die Länge eines Lebens ist, auf die es ankommt; sondern die Weite. Bill erinnerte uns daran, dass Dave, der uns mit seinen lustigen Texten, informativen Kletterführern, seinen vielen Neutouren für uns oder auch seiner beständigen und manchmal schrulligen Freundschaft beschenkt hatte, ein sehr weites Leben geführt hatte, und dass dies bewundernswert war.

Anders formuliert hatte Dave einen Weg gefunden, seinen sehr selbsüchtigen Sport - das Klettern - so zu gestalten, dass er tatsächlich kein bisschen selbstsüchtig mehr war.

Daves Tod beeinflusste uns alle unterschiedlich. Dan wurde klar, dass er fast 15 Jahre kletterte, aber noch keinen einzigen Bohrhaken gesetzt hatte und noch nie eine Route erstbegangen hatte. Seine Hingabe ans Klettern fokussierte sich allein auf das Durchsteigen des nächsten schweren Projekts. Jeder von uns musste seine eigene Art finden, Dave seine Ehre zu erweisen, und für Dan bedeutete dies, eine Route zu vollenden, die Dave begonnen hatte einzurichten.

Jeder von uns musste seine eigene Art finden, Dave seine Ehre zu erweisen, und für Dan bedeutete dies, eine Route zu vollenden, die Dave begonnen hatte einzurichten.

Episode 5 Media Tile 2
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Die Distillery und Hogwarts sind zwei Kalk-Klettergebiete, die wie Ying und Yang zueinander positioniert auf gegenüberliegenden Seiten den schmalen Canyon säumen, durch den der East Elk Creek fließt. Beide Gebiete haben ihr heutiges Dasein Daves unermüdlichem Erschließer-Appetit zu verdanken. Jahrelang waren die Leute auf dem Weg zu den abgekletterten und speckigen Routen von Rifle daran vorbeigefahren. An diesen Wänden hat Dave beim Einrichten und Klettern von schweren neuen Routen einige seiner besten Momente verbracht. Hier ist es schwierig, nicht an ihn zu denken.

White Lightning, ist eine Route, die Local Josh Gross mit Daves Hilfe eingerichtet hatte. Eine ausgezeichnete 5.13b, die auf zwei Dritteln der 40 Meter hohen Wand endet; oberhalb des Umlenkers wartet ein scheinbar blankes weißes Schild aus knochenweißem Kalk mit eigenartigen Löchern und rasiermesserscharfen Leisten. Dan wollte diese Route bis zum Wandende verlängern, wie Dave es vorhatte, aber er brauchte meine Hilfe, um ihm das Hakensetzen beizubringen.

Ich bin keinesfalls ein erfahrener Erschließer, aber ich habe schon ein bisschen der gottgesandten Arbeit, wie wir das Routen Erschließen hier in West-Colorado nennen, gemacht. Viel von meinem diesbezüglichen Wissen lernte ich von Dave. Es war ein schönes Gefühl, mit meinem Freund Dan einen Tag in den Bergen zu verbringen und einiges von Daves’ Wissen weiterzugeben.

Nachdem Dan einige neue Haken und einen Umlenker gesetzt hatte sowie einigen unverschämt brüchigen Fels entfernt hatte, begab er sich daran, die V10-Bouldersequenz zu entschlüsseln. Zwei Rotpunktversuche später stürzte Dan beim letzten Zug der Boulderpassage. Der Durchstieg wollte bei diesem Trip nicht gelingen, doch steht sie für Mai auf seiner Liste.

Es heißt, der beste Kletterer sei der, der am meisten Spaß beim Klettern hat. Aber noch besser ist es, wenn man es schafft, der Community und den Menschen um sich herum etwas zurückzugeben und zugleich Spaß zu haben und sein Bestes zu geben. Daves Tod erinnert uns daran, ein weites Leben zu führen - denn letztlich ist eine Reihe schwerer Begehungen völlig unbedeutend, wenn sie dazu führen, dass man all die guten Sachen im Leben vernachlässigt.



Words: Andrew Bisharat
Photography: Andy Mann & Mattias Fredriksson
Videography: Spindle

Es nicht die Länge eines Lebens ist, auf die es ankommt; sondern die Weite. Dave ein sehr weites Leben geführt hatte, und dass dies bewundernswert war.