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Carlo Traversi stellt sich der Triple-14-Herausforderung

Thursday, August 31, 2017
Die Schwierigkeitswahrnehmung verändert sich fortlaufend. Angesichts neuer Aufstiege, neuer Kraftakte und neuer Entdeckungen, die ständig die Messlatte höher legen, verschiebt sich auch immer die Empfindung eines Kletterers dessen, was möglich ist. Aber die vermutlich größte Antriebskraft hinter den stets im Wandel begriffenen Maßstäben einer wahren Herausforderung liegt in nur einer einfachen Handlung ... es verflixt noch mal zu versuchen. Wie BD-Athlet Carlo Traversi schreibt: „Die Tiefe deines Willens lässt sich nur durch die Erfahrung selbst erforschen.“ Sehen Sie sich diesen fantastischen Film an, der dokumentiert, wie Traversi seine ultimative Herausforderung annimmt – an nur einem Tag einen V14, einen 5.14 und einen 14er (Viertausender) zu besteigen.
Video: Chris Alstrin, Text: Carlo Traversi

Ich erinnere mich daran, wie ich 2013 zum ersten Mal an diese Herausforderung dachte und ihre Größenordnung nicht wirklich begriff. Zu der Zeit hatte ich nur wenige Klettererfahrungen auf dem Diamond gemacht und alle hatten mich vollkommen und absolut erschöpft zurückgelassen. Die bloße Vorstellung, noch mehr Zeit und Anstrengung auf einen Diamond-Tag aufzuladen, erschien mir ungeheuerlich. Im Laufe der folgenden Jahre fand ich Gründe, jegliche Machbarkeit von der Hand zu weisen. Allerdings konnte ich mich nie so weit überzeugen, dass ich die Idee aus meinem Unterbewusstsein verbannt hätte. Die Gedanken, die man nur schlecht vor sich selbst versteckt, finden mit der Zeit irgendwie immer den Weg an die Oberfläche.

Der Sommer 2016 war schon dem Colorado-Hochgebirge verschrieben. In welcher Form und welchem Umfang, das wusste ich nicht. Fitness hatte oberste Priorität. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die beste Methode zu sprunghaften Verbesserungen der körperlichen Leistungsfähigkeit darin besteht, Dinge zu finden, die man schwierig findet, und sie dann in das alltägliche Leben zu integrieren. Am Sommeranfang erschien mir eine Wanderung zur Spitze des Chaos Canyon, um dort zu bouldern (insgesamt etwa 11 Kilometer), wie ein ernsthaftes Unterfangen. Also begann ich, jeden Tag dort hinaufzusteigen. Innerhalb einiger Wochen hatten sich mein Geist und mein Körper angepasst und die Strecke fühlte sich locker an. Außerdem bestieg ich den Diamond einige Male früh in der Saison und diese Erfahrung fühlte sich langsam immer weniger kraftraubend und normaler an. 

Ich war noch nie dafür, mich beim Klettern an nur eine Disziplin zu halten. Es reizt mich viel mehr, sie alle beherrschen zu können, anstatt in einer der Allerbeste zu sein. Nach einem Sommer, indem ich andauernd zwischen klassischem Klettern, Bouldern und Sportklettern hin- und hergewechselt hatte, fühlte ich mich langsam wohl und motiviert durch den Gedanken, alle Disziplinen an einem Megatag zu kombinieren. 

Aber diese Gefühle zu haben, ist eine Sache. Es ist etwas ganz anderes, das alles auch in die Tat umzusetzen. Wie würden sich 37 Kilometer Wandern auf mein Klettervermögen auswirken? Wie würde ich meine Motivation über den Tag hinweg aufrechterhalten? Wie würde ich meine Konzentration aufrechterhalten und den Tag trotz der unvermeidbaren Schmerzen genießen können? 

Die Tiefe deines Willens lässt sich nur durch die Erfahrung selbst erforschen. Die einzige Möglichkeit, alle diese Fragen zu beantworten, die in meinem Kopf herumschwirrten, bestand im praktischen Versuch. Ich legte einen Zeitplan für den Tag fest und plante, so gut es ging, alle möglichen Variablen ein. Das Wetter würde mir am meisten Sorgen bereiten. Zum Glück verringert sich mit Abklingen der Alpinsaison auch die Wahrscheinlichkeit von Gewittern. Ich wählte einen Tag mit 0 % Niederschlagswahrscheinlichkeit Anfang September und legte mich fest.

Foto: Ian Glass
Foto: Cameron Maier
Foto: Chris Alstrin
 

Der Wecker um 3 Uhr morgens fühlte sich an wie ein Albtraum, insbesondere, nachdem ich wegen der nervlichen Anspannung unruhig geschlafen hatte. Die empfundene Last des bevorstehenden Tages machte es mir fast unmöglich, die Füße auf den Boden zu setzen und aufzustehen. Nachdem ich die vergangenen Wochen damit verbracht hatte, mich so sehr auf die Herausforderung als Ganzes zu konzentrieren, war es am Morgen des 5. September 2016 an der Zeit, meine Aufmerksamkeit nur auf die Dinge zu richten, die von Moment zu Moment wichtig waren. Ich begann damit, mich anzuziehen. Einfach. Geschafft. Dann etwas zu essen. Dann mich ins Auto zu setzen und loszufahren. Ein schwieriger Tag besteht aus Millionen einfacher Entscheidungen und Aufgaben.

So ging ich den Tag an. Schritt für Schritt. Bewegung für Bewegung. Dabei genoss ich jeden kleinen Erfolg und nahm jeden Misserfolg hin.

Und so erkannte ich: Wenn man sich die Zeit nimmt, durch die Herausforderungen hindurch zu lernen, stellt man fest, wie sich die gesamte Schwierigkeitswahrnehmung zu verschieben beginnt. 

—Carlo Traversi


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