Lines Upon the Water

Video: Jaakko Posti

Ich stand auf dem Schiffsdeck und während wir uns der Küste näherten, beobachtete ich, wie die Berge immer höher empor ragten. „Opal“, unser isländischer Zweimastschoner, glitt leise über das Wasser und die Crew traf die Vorbereitungen, um in der Nähe einer Rinne an Land zu gehen, die wir zuvor auf Google Earth entdeckt hatten. Es gab keine andere Möglichkeit, diesen Ort zu erreichen und ich war sehr froh darüber.

Die Gipfel von Kvaenangen

Die Nordinseln nahe der norwegischen Finnmark bieten ein enormes Potential für zahllose Skiabenteuer. Der Zugang ist jedoch schwierig, denn dieser Ort kann nur per Boot erreicht werden. Und da man auf dem arktischen Meer unterwegs ist, ist ein Vollschiff erforderlich. Opal, ausgerüstet mit einem elektrischen und einem Backup-Dieselantrieb (neben der Möglichkeit Segel zu nutzen), war unser Ticket für die Reise an diesen entlegenen Küstenstreifen.


Image: Mika Merikanto

Unsere Expedition begann in Lyngseidet in Lyngen. Das Ziel war, Richtung Norden zu segeln und neue Skilocations auszukundschaften. Für mich war es ein lang gehegter Traum, der wahr wurde. Seit 1998 bin ich immer wieder zum Skifahren nach Lyngen gereist, konnte jedoch niemals die Gelegenheit nutzen, um die Nordinseln mit ihrem interessanten Küstengebirge zu besuchen.

Als grösste Herausforderung entpuppte sich das Wetter. Es begann mit einer extremen Schlechtwetterfront, in deren Folge drei Fahrzeuge auf der Hauptstrasse nach Tromsö von einer Lawine verschüttet wurden. Nach dem Sturm hatte es so stark geschneit, das wir unseren Reiseantritt in einem Birkenwald in Kåfjord verbrachten, wo wir in hüfttiefem Neuschnee unsere Linien zogen, weil es nichts anderes gab. Die unberührten Couloirs warteten und es sah so aus, als müssten sie ein weiteres Jahr warten.


Image: Mika Merikanto

Der Wetterfaktor

Wenn Du eine Expedition planst, hoffst Du immer auf einen wolkenlosen Himmel und perfektes Wetter. Aber es hat sich herausgestellt, dass es schwierig ist, das Wetter einzuschätzen. In diesem Winter gab es in der nordpolaren Region einfach unzählige Schneestürme. Der Januar war besonders warm, mit Temperatursprüngen von +5 auf -30 Grad Celsius. Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund, nicht davon auszugehen, dass sich das Klima wandelt. Der Wetterbericht zeigte grünes Licht für den Rest der Woche, aber wir wussten, dass wir mit instabilen Schneeverhältnissen an einem Ort klarkommen mussten, der uns gänzlich unbekannt war.


Image: Mika Merikanto

Ein Dorf in der Abgeschiedenheit

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Skjervöy segelten wir östlich Richtung Reinfjord weiter. In diesem winzigen Dorf leben nur acht Menschen. Der öffentliche Nahverkehr besteht aus einem Motorboot, das ein Mal pro Woche aus Skjervöy kommt. Nachdem wir im alten Hafen angelegt hatten, der früher für Fischerboote genutzt wurde, konnten wir mit dem Skifahren loslegen. Die Strassen waren schneebedeckt und es gab nirgendwo Spuren. Die Häuser schienen leer zu stehen, aber als wir mit unseren Skiern auf der Hauptstrasse unterwegs waren, trafen wir ein älteres Ehepaar, die uns vom Balkon ihres Hauses aus begrüssten. Sie erzählten uns, dass aufgrund des schlechten Wetters das Motorboot am Freitag ausgefallen und bereits seit zwei Wochen niemand mehr in die Stadt gekommen war.


Image: Mika Merikanto

Bei unklaren Witterungsbedingungen ist es gut einen Ort zu finden, der verschiedene Optionen anbietet, und aus diesem Grund haben wir uns für Reinfjord entschieden. Als wir an diesem wunderschönen Ort ankamen wussten wir, dass es die richtige Entscheidung war – hier konnte man wochenlang Skifahren, ohne denselben Hang zwei Mal abzufahren. Wir beschlossen, mit dem Aufstieg zum Boazovuoncahca zu beginnen, ein einfacher Gipfel auf der südlichen Seite des Dorfs, um die Schneeverhältnisse kennenzulernen. Als wir oben ankamen, klärte sich das Wetter auf und wir hatten eine schöne Fernsicht. Beim Heransegeln hatten wir Rinnen entdeckt, die sich an der Westseite der Berge bis zur Küste erstreckten, und wir wollten herausfinden, wie sie von oben aussahen. Nach einer sorgfältigen Bewertung kamen wir zu dem Schluss, dass eine der Hauptrinnen befahrbar sein könnte.


Image: Mika Merikanto

Diese Rinne bot eine ungefähr 500 Meter lange, sehr steile Abfahrt. Wir hatten ein breites Grinsen auf unseren Gesichtern, als wir an der Küste ankamen. Die Sonne schien, als wir zum Boot zurückkehrten, und es war an der Zeit, den nächsten Tag zu planen. Wir wollten noch tiefer ins Land bis zum Ende des Fjords in Jökelfjord eindringen und genossen die abendliche Fahrt mit dem Segelboot.

Nutze den Tag

Der nächste Tag bewies einmal mehr, dass auf das Wetter kein Verlass war. Es wehte ein starker Ostwind und es gab jede Menge Schneefall. Wir hatten in einem alten Hafen von Jökelfjord angelegt, zwei Segelstunden von Reinfjord entfernt. Es war klar, dass es keinen Skitag geben würde, also verbrachten wir unsere Zeit damit, Lawinen auf der anderen Seite des Fjords zu beobachten.


Image: Mikko Lampinen

Auf dem Weg nach Jökelfjord waren wir an einem wunderschönen Couloir am Aibmadasgaisa vorbeigesegelt. Diese Rinne war mir bereits auf Google Earth während unserer Reisevorbereitungen aufgefallen, also planten wir, es am nächsten Tag dort zu versuchen. Das war natürlich im Hinblick auf das vorangehende Wetter fragwürdig, aber es sah so aus, als ob diese Rinne ein wenig windgeschützt ausgerichtet war. Am nächsten Morgen luden wir unsere Ausrüstung an der Küste aus, die wir per Gummiboot von unserem Schiff aus erreicht hatten.


Image: Mika Merikanto

Es war einigermassen sicher und einfach, von unten durch die Rinne aufzusteigen. Wir evaluierten den Schnee während des Aufstiegs und konnten bestätigen, dass der Wind keinen Einfluss genommen hatte. Und tatsächlich fanden wir nach einem eisigen Abschnitt am Einstieg den allerfeinsten Pulverschnee vor. Das war das beste Fahrgefühl, das ich je erlebt habe! Das Schiff wartete an der Küste, während wir in der Sonne unsere Schwünge zogen. Aufgrund des schwierigen Zugangs glaube ich, dass es die erste Abfahrt auf dieser Schönheit war. Wir haben uns entschlossen, die Rinne „Opal“ zu nennen, nach der hölzernen Lady, auf der wir hierher gesegelt waren.


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Einen grossen Dank an North Sailing Norway und Backcountry Guiding, die uns dieses Abenteuer ermöglicht haben.