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Carlo Traversi: Der Video Guide zu Font’s Hard Classics – Teil 1

Tuesday, Dezember 5, 2017
Black Diamond-Athlet Carlo Traversi zieht es seit 2012 immer wieder in den magischen Wald von Fontainebleau. Am Anfang war es eine Erfahrung, die ihn Bescheidenheit lehrte. In den USA war er schon 8c-Boulder geklettert, aber in Bleau – ein Gebiet, in dem es auf eine besonders subtile Klettertechnik ankommt – wurde Carlo zunächst einmal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Im Laufe der letzten Jahre hat er sich den komplexen und kryptischen Kletterstil zu Eigen gemacht und die technisch anspruchsvollen Sandsteinstrukturen von Bleau schätzen gelernt. Im ersten Teil seines Video Guide to Font’s Hard Classics entführt er uns auf eine virtuelle Tour, um uns seine Lieblingsprobleme vorzustellen und die oft avantgardistisch anmutenden Klettertechniken zu erläutern, mit denen er die Probleme klettern konnte.

Die Sandsteinblöcke von Fontainebleau in Frankreich werden in der Klettergemeinschaft einhellig als Ursprung und spirituelles Zentrum des Boulderns betrachtet und bieten eine lebenslange Herausforderung, selbst für die besten Kletterer der Welt. Eine Reise in dieses legendäre Gebiet ist vor allem eine Art Initiationsritus für moderne Boulderer. Historisch gesehen wurden hier die ersten Boulder der Welt über 7c erschlossen, und bis zum heutigen Tag bleibt es ein Gebiet, in dem Kletterer ihre Technik und Körperbeherrschung auf einzigartige Art und Weise weiterentwickeln können.

Im März 2012, kurz nachdem ich meine erste 8c (The Game, V15) gebouldert war, kam ich zum ersten Mal hierher. Die Temperaturen waren sehr warm und ich biss mir die Zähne aus. Physikalisch gesehen kletterte ich gut, aber ich tat mich schwer, mich an die extremen Körperpositionen zu gewöhnen, die das Klettern in Bleau erfordert. Ich kletterte viele Probleme zwischen 7c und 8a, aber nur wenige in den höheren Schwierigkeitsgraden, in denen ich sonst unterwegs war.

Anfang des Jahres 2013 kehrte ich zurück, dieses Mal mit extrem kaltem und nassem Wetter. Dieses Mal kam ich besser mit den Besonderheiten dieses Gebiets klar, musste aber dennoch ohne signifikante Fortschritte abreisen.

Anfang September 2016 nahm ich an den Bouldering World Championships in Paris teil. Nach dem Wettkampf verbrachte ich noch einige freie Tage in Bleau. Es war warm und schwül, und daher kletterte ich einfach so viele Boulder wie möglich und scherte mich nicht um Schwierigkeitsgrade.

Nach etwa 50 bis 60 Problemen begann ich, den Fels zu verstehen. Ich reiste ab – und hatte noch mehr zu schätzen gelernt, wie dieses Gebiet zur Weiterentwicklung Deines Bewegungsgefühls beiträgt und Dich lehrt, Dich auf die subtile Kraft der Reibung zu verlassen.

Anfang 2017, beim Vergleichen von Flugpreisen, stellte ich überrascht fest, dass es die billigsten Flüge seit Jahren gab. Sofort buchte ich einen Flug. Mit nur einem Monat Vorbereitungszeit fand ich ein spezielles Training sinnlos und bleib bei meinem üblichen Trainingsplan. Ich hoffte vor allem, dass mich einige Jahre Klettererfahrung inzwischen zu einem besseren Kletterer gemacht hatten, unabhängig vom Kraftpotential. Bevor ich die USA verliess musste ich noch eine Menge Aufträge als Routensetzer abarbeiten, sodass ich zu Beginn meiner Reise ziemlich müde war. Aber Projekte warteten auf mich.

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Khéops 8B (3/26/17)

Ein überaus typischer Fontainbleau-Klassiker. Eine überhängende Kante, die keinen Sinn ergibt, bis Du die ersten Züge kletterst. Die Griffe sind schlecht und nur mit der perfekten Positionierung des Körpers fühlt es sich möglich an. Und wenn Du es erst kapiert hast, dann wird es fast einfach. Ich versuchte diese Linie einige Tage lang bei meinem ersten Aufenthalt 2012. Ich konnte zwar alle Züge klettern, aber die Schlüsselstelle gelang mir nur ein Mal. Alles dreht sich um einen wackeligen Zug an einem schlechten Aufleger, kombiniert mit einem windigen Heelhook an einer kleinen Kante. Während des Zugs musst Du die Ferse durchgehend belasten, anderenfalls wirft Dich der Boulder einfach ab. Solange Du jedoch diese Spannung aufrecht erhalten kannst, ist es möglich, den extrem abschüssigen Aufleger oben zu erreichen. 2016 habe ich das Problem bei sehr warmen Bedingungen versucht und konnte die Schlüsselstelle mehrmals klettern. Das gab meinem Selbstbewusstsein einen überraschenden Schub, zu erkennen, dass sich meine Klettertechnik im Laufe der Jahre verbessert hatte. Als ich 2017 zurückkehrte, war das die erste Linie, die ich klettern wollte. Am zweiten Tag wachte ich sehr früh auf, um gute Bedingungen zu haben, und der Boulder gelang mir ziemlich schnell. Diese Erfahrung hat mich für den Rest der Reise sehr positiv eingestellt. Es war toll zu spüren, wie es in einem früher undenkbaren Problem plötzlich „Klick“ gemacht hatte.

 


 

Les Beaux Quartiers 8A (3/28/17)

Mit demselben Sitzstart wie Gecko, aber einem Ausstieg nach rechts, viel mir diese Line zum ersten Mal 2012 an einem verregneten Rasttag auf. Ohne Chalk und komplett nass sah Gecko unmöglich aus. Aber Les Beaux Quartiers hatte diese unglaublich schön geformten Leisten in der Mitte und zog mich magisch an. Dieser Boulder begeisterte mich ehrlich gesagt mehr als das etwas berühmtere Nachbarproblem. Bei meiner Rückkehr 2017 war es viel zu warm, um überhaupt an Gecko zu denken, also befasste ich mich mit Les Beaux Quartiers. Mit meiner dünnen Haut wusste ich, dass ich nach einem Versuch zu stark schwitzen würde, um den Boulder klettern zu können. Also verzichtete ich darauf, mich aufzuwärmen und setzte alles auf maximalen Einsatz. Es sah bestimmt nicht hübsch aus, wie ich mich Zug um Zug durch das Problem kämpfte, aber ich schaffte den Boulder im ersten Versuch. Ich bin nicht besonders gut darin, harte Probleme zu flashen, also war es richtig cool, dass mir das hier gelungen war. Ich brauchte eine Stunde, um wieder abzukühlen, bevor ich mich dem Nachbarboulder Gecko widmen konnte.

 


 

Gecko 8A+ (3/28/17)

Gecko sieht unkletterbar aus und fühlt sich auch so an. Der linke Aufleger, auf den die Hand beim ersten Zug klatscht, sieht eher wie ein Stück Wand und weniger wie ein Griff aus, eine wellenförmige Ausbuchtung, die den glatten Bauch des Boulders kaum unterbricht. Der Boulder macht seinem Namen alle Ehre. Du musst Deinen inneren Gecko finden, um dieses Problem klettern zu können. Mein erster Versuch fühlte sich einfach nur unmöglich an. Beim meinem zweiten Versuch hielt ich am schlechten linken Aufleger ein wenig inne und merkte, wie mein Körper die notwendige Balance fand. Hmmm, vielleicht kann ich diesen Abklatsch eines Griffs doch halten. Beim nächsten Versuch vertraute ich meinen neuen Erkenntnissen und quetschte einen Durchstieg raus. Was für ein cooles Gefühl, sich an etwas festzuhalten, das sich nach nichts anfühlte! Ich spielte noch ein wenig mit dem Sitzstart herum und dann war der Tag zu Ende.

 


 

Karma 8A+ (3/30/17)

Es gibt wohl kaum einen bekannteren Boulder als den legendären Karma von Fred Nicole. Rein, schlicht und hart. Meiner Meinung nach definiert er, worum es bei harten Boulderproblemen in Fontainebleau geht. Du brauchst einfach die richtige Mischung aus Technik und Kraft, um dieses runde Ei von einem Felsblock klettern zu können. 2012 stand dieses Problem ganz oben auf meiner Liste und ich versuchte mich einige Tage daran. Bei einigen Versuchen fühlte es sich ganz gut an, aber ich schaffte keinen Durchstieg. Obwohl ich mir die meisten Probleme mit diesem Schwierigkeitsgrad zutraute, stellte Karma eine besondere Herausforderung für mich dar. Als ich 2017 zurückkehrte, brauchte ich zwei weitere Tage, bis ich mich dem Problem gewachsen fühlte. Der beste Tipp war zu versuchen, den Boulder abzuklettern. Überraschenderweise fühlte sich das fast leichter an als von unten. Die Züge in umgekehrter Bewegungsrichtung zu klettern, half mir zu verstehen, wie der schwierige Heelhook funktionierte. Nach zwei weiteren Versuchen fand ich von Anfang an die richtige Balance und schaffte den Durchstieg. Ein weiteres Kletterziel abgehakt! 

 


 

Gecko Assis 8B+ (4/1/17)

Der Sitzstart von Gecko hat mich seit meinem Durchstieg dieses Boulders nicht mehr losgelassen. Nur von den Griffen in der Mitte aus geklettert, fühlte sich diese Linie unvollständig an. Ich wartete auf einen etwas kühleren Morgen und startete früh. Nach meinem Durchstieg hatte ich noch die unteren Züge ausgecheckt und wusste daher, dass der rechte Heelhook auf Kopfhöhe die Schlüsselstelle war, um zum ursprünglichen Start des Boulders zu gelangen. Ich sah mir einige Videos online an und fand es verrückt, wie mühelos viele Kletterer diesen Heelhook setzen konnten. Ich bin nicht so beweglich und verbrachte die Aufwärmzeit daher mit Dehnübungen. Nach einigen frustrierenden Versuchen, diesen Heelhook statisch zu setzen, wurde mir klar, dass ich das nur dynamisch schaffen würde. Es sah nicht so schön aus, aber es funktionierte. Nachdem ich diesen Abschnitt gelöst hatte, musste ich die beiden Passagen nur noch zusammenhängen und schaffte schliesslich den Durchstieg.

 


 

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Während mich meine ersten Ausflüge in den Wald von Fontainebleau Bescheidenheit lehrten, erwies sich meine letzte Reise als sehr erfolgreich. Vielleicht sogar als eine meiner erfolgreichsten Reisen im Hinblick auf Durchstiege in den letzten Jahren. Lässt man die Zahlen jedoch beiseite, habe ich von dieser Reise „als Lehrling“ in Bleau am Meisten profitiert. Ohne allzu grosse Erwartungen und dank der Schwierigkeiten der letzten Aufenthalte hier war es mir möglich, die Probleme in einem neuen Licht zu sehen. Nicht als potentiellen Erfolg, sondern vielmehr als Lektion in Geduld, Technik, Körpergefühl, richtigem Krafteinsatz und Freude an der Bewegung. Bis zum nächsten Mal, Fontainebleau.  

—Carlo Traversi


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