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Ausrüstungsmythen: Soll der Chalkbag direkt am Klettergurt hängen – ja oder nein?

Wednesday, Mai 23, 2018
Den Chalkbag mit einem Karabiner am Klettergurt zu befestigen, klingt irgendwie logisch, oder? Aber was mache ich mit dem Gurtband, an dem der Chalkbag beim Kauf hängt? In dieser Folge der Ausrüstungsmythen befassen wir uns damit, wie Kletterer Rund um den Globus ihre Chalkbags befestigen und versuchen, das Pro und Contra der verschiedenen Methoden zu ermitteln. Gibt es eine „beste“ Methode? Glauben wir schon.

Hast Du Dich schonmal gefragt, warum jeder Chalkbag beim Kauf mit einem verstellbaren Gurtband ausgestattet ist? Der Grund ist, dass Chalkbags dafür entworfen wurden, an diesem Gurtband zu hängen.

Und trotz dieses funktionellen und im Lieferumfang enthaltenen Gurtbands landet es häufig einfach im Müll. Danach wird dieser schöne, verstellbare Riemen durch einen glänzenden Karabiner ersetzt.

Bilder: Andy Earl

Tatsache ist, dass Kletterer einfach auf Karabiner stehen. Verstehen wir. Sie sind technisch, cool und Stallone hatte im Film „Cliff Hanger“ bei dieser krassen Szene mit dem Sprung auch ein paar davon dabei. Gib einem Kletterer einen Karabiner in die Hand und er wird sofort irgendwas zum Einhängen finden. Rucksäcke sind schnell mit Schuhen, Helmen, Schlüsseln und Wasserflaschen versehen, die mit einem Karabiner an uns bisher unbekannten Schlaufen baumeln. Und Chalkbags? Die werden schneller mit einem Hotwire am Klettergurt befestigt als Stallone sein Maschinengewehr zücken kann.

Ein Besuch in der nächsten Kletterhalle wird diese Behauptung bestätigen. Siehst Du die Menge an Chalkbags, die verdächtig tief hängen? Der Grund ist, dass sie wahrscheinlich mit einem Karabiner am Klettergurt befestigt wurden. Unser Climbing Category Director und Ausrüstungs-Guru Kolin Powick kommt häufig von seinen morgendlichen Trainingssessions mit der Frage ins Büro, warum sich manche Kletterer das Leben schwerer als nötig machen, indem sie ihre Chalkbags tief an einem Karabiner und nicht am mitgelieferten Gurtband baumeln lassen.

„Man sieht das häufiger bei Leuten, die neu im Klettersport sind“, berichtet Powick. „Eigentlich sehe ich jede Woche Kletterer, die ihren Chalkbag in unterschiedlichsten Varianten am Klettergurt befestigt haben – mit einem Karabiner an der Nachziehschlaufe, mit zwei Karabinern an den Materialschlaufen, Quicklinks, aufwändig verknüpften Gurtbändern, Quickdraws... wirklich mit allem, was man sich vorstellen kann.“

In Wahrheit sind die meisten uns mit diesem Thema vertraut. Selbst die ältesten Veteranen können, wenn sie tief in ihrem Gedächtnis graben und an die Anfangszeiten denken, Erinnerungen an einen glänzenden Karabiner hervorholen. Befestigt an einem? Richtig. Ihrem ersten Chalkbag.

Aus diesem Grunde tauchen wir in dieser Folge der Ausrüstungsmythen in die Welt der Befestigungsmöglichkeiten von Chalkbags ein, in die verschiedenen Methoden, die wir beobachtet haben, und deren Pros und Contras.

Womit fangen wir an?

 

Zwei klassische, in beide Materialschlaufen geklippte Oval-Karabiner

 

 

Nicht einer, sondern zwei Karabiner. Warum auch nicht? An der Rückseite vieler Chalkbags befinden sich zwei Schlaufen. Und hinten am Gurt gibt es zwei Materialschlaufen. Das passt doch wunderbar zusammen, oder?

Während es eigentlich ziemlich plausibel klingt, jede der beiden Schlaufen am Chalkbag mit einem Karabiner zu versehen und diese dann auf jeder Seite an einer Materialschlaufe einzuhängen, gibt es einen wichtigen Grund, warum wir diese Methode nicht empfehlen.

Reden wir einmal über das Gewicht. Mit 62 g pro Stück ist ein Oval-Karabiner nicht gerade leicht. Bei zwei Karabinern sind das bereits 124 g Zusatzgewicht. Dies entspricht etwa einem #1 Camalot, der hinten am Klettergurt hängt. Zum Vergleich – das im Lieferumfang der Black Diamond Chalkbags enthaltene Gurtband wiegt nur 22 g. Die Methode mit dem doppelten Oval-Karabiner ist also fünfmal schwerer. Nicht ideal.

 

Ein klassischer, in die Nachziehschlaufe geklippter Oval-Karabiner

Hierbei geht es um die Länge. Es ist wichtig zu wissen, dass die optimale Länge eines Chalkbags hinsichtlich Erreichbarkeit hinter dem Rücken von verschiedenen ergonomischen Faktoren abhängt – Rumpflänge, Affenfaktor, maximale Schulterrotation und Flexibilität des Ellbogens.

Betrachtet man diese Faktoren, gilt als Daumenregel, den Chalkbag für maximale Effizienz ungefähr auf Höhe des Hüftgurts zu tragen.

Um dies zu testen und zu vergleichen, haben wir die Methode mit einem Oval-Karabiner vermessen. Wir haben einen Mojo Chalkbag mit einem Black Diamond Oval-Karabiner (der hierzulande häufig dafür verwendet wird) an die Nachziehschlaufe unseres beliebten Momentum-Klettergurt gehängt. Das Ergebnis:

Der Boden des Chalkbags hängt ca. 33 cm unter der Hüftgurtkante. Die 5 cm lange Nachziehschlaufe wurde mit einem 10 cm langen Oval-Karabiner verlängert, was den Abstand zwischen deiner Hand und dem wertvollen Pulver um 16 cm verlängert. Bei einem Überhang führt das dazu, dass Dein Chalkbag an Deinem Rücken wie ein verlorenes Opossum im Baum hängt. Natürlich ist es auf diese Weise viel schwerer, den Chalkbag zu erreichen.

Beim Klettern einer schweren Route, in der Du kurz vor der Schlüsselstelle nochmal schnell die Finger eintauchen möchtest, ist das nicht ideal. 

 

Ein in die Nachziehschlaufe geklippter Drahtschnapper-Karabiner

 

 

Mit dem engen Verwandten des Oval stellt diese Methode eine etwas fortschrittlichere Variante dar. Gehen wir von einem standardmässigen Black Diamond HotWire-Karabiner aus. Die gute Nachricht – dieser Karabiner wiegt nur 43 g.

Die schlechte Nachricht – auch dieser Karabiner ist knapp 10 cm lang. Das Szenario mit der zusätzlichen Länge bleibt also unverändert. Stell Dir einfach vor, wie viel Unterschied 10 cm machen können, wenn Du Dich in einer schweren Route verzweifelt nach dem nächsten Griff ausstreckst! Natürlich eine Menge. Vor diesem Hintergrund empfehlen wir, auf die zusätzlichen Zentimeter zu verzichten.

 

Ein nicht zum Klettern gedachter, in die Nachziehschlaufe geklippter Karabiner

Nun kommen wir der Sache im wörtlichen Sinne näher. Wenn Du einen Black Diamond JiveWire-Karabiner trägst – ein nicht zum Klettern geeigneter Zubehörkarabiner – hast Du bereits einiges an Länge und Gewicht gespart.

Dieser Karabiner wiegt sogar nur 10 g, weniger als das Gurtband. Ausserdem ist dieser Karabiner 2,5 cm kürzer, sodass der Chalkbag nur noch 25 bis 27 cm unter deinem Klettergurt hängt. Trotzdem sind 7,5 cm (Länge der Nachziehschlaufe und Zubehörkarabiner) immer noch nicht ideal. Obwohl er mit der Hand leichter erreichbar ist, kann der Chalkbag in Überhängen noch immer im Wind baumeln. Ausserdem empfehlen wir, Zubehörkarabiner aus Sicherheitsgründen immer getrennt von der Kletterausrüstung zu verwenden.

Ein in die Nachziehschlaufe eingehängter Quicklink

 

 

Quicklinks bieten natürlich eine bombensichere Befestigung des Chalkbags am Klettergurt. So sicher, dass es wahrscheinlich schwierig wird, ihn wieder abzumontieren, sobald Dir klar wird, das ein 150 g schweres Stück Stahl keine idealer Ausrüstungsgegenstand für diesen Zweck ist. Die Länge ist in diesem Fall gar nicht das grösste Problem, obwohl sie immer noch nicht ideal ist. Das eigentliche Problem besteht darin, dass es vermutlich nur mit Hilfe einer anderen Person gelingen wird, den Chalkbag abzunehmen, ohne den ganzen Klettergurt auszuziehen. Auch ist das zusätzliche Gewicht völlig unnötig. Dann doch lieber einen Standardkarabiner.

 

Ein in die Materialschlaufe geklippter Quickdraw

 

 

Ernsthaft, das haben wir auch gesehen. Belassen wir es dabei. Mach das einfach nicht. Nie. Wir reden von einer völlig überflüssigen Verlängerung von 27 cm (je nach Quickdraw) und wie soll es dann noch möglich sein, die Hand auf der anderen Seite zu chalken? Auch wenn Du die Quickdraw hinten an der Nachziehschlaufe befestigst, hängt der Chalkbag fast auf der Höhe deiner Kniekehlen. Das ist wirklich die schlechteste Methode von allen, egal unter welchen Umständen.

Was ist aber die beste Methode?

 

Gurtband mit Schnellverschlussschnalle

Was ist dran? Zum einen ist das Gewicht mit 22 g relativ gering. Aber der wahre Grund ein Gurtband zu benutzen, liegt in seiner Funktionalität.

Der Chalkbag sitzt schön fest und hoch und lässt wenig Abstand zwischen Dir und dem weissen Gold. Wie hoch er hängt, bestimmst Du, indem Du das Gurtband auf die passende Länge einstellst. Normalerweise beträgt der Abstand von der unteren Hüftgurtkante zum Chalkbagboden etwa 13 cm.

Ausserdem bleibt der Chalkbag näher am Körper. Dies ist vor allem in überhängenden Routen wichtig, denn je grösser der Abstand vom Chalkbag zum Körper, desto weiter musst Du Deinen Arm ausstrecken, um Deine Hand einzutauchen. Dies erhöht die Belastung auf den anderen Arm am Klettergriff. Es kostet mehr Kraft als Du denkst, wenn Du Deinen Körperschwerpunkt verschieben musst, um nach Deinem Chalkbag zu fischen.

Es gibt noch andere wichtige Gründe, den Chalkbag am Gurtband zu tragen. Am wichtigsten ist diese einfache Tatsache – Du kannst Deinen Chalkbag je nach Bedarf hin und her schieben.

Stell Dir folgende Situation vor. Du quetscht Dich gerade durch einen engen Kamin und hast Dich mit der rechten Hüfte zuerst hineingeschoben. Jetzt merkst Du, dass Du gerne chalken würdest, bevor Du zum nächsten Zug ansetzt. Mit den vorangehend beschriebenen Karabinermethoden wäre das vermutlich nur schwer möglich. Wenn der Chalkbag erst zwischen Dir und der Wand eingeklemmt ist, hast Du schlechte Karten, da noch eine Hand hineinzubekommen. Unangenehm.

Stell Dir nun dieselbe Situation mit einem Chalkbag am Gurtband vor. Bevor Du die in die Passage einsteigst, schiebst Du den Chalkbag einfach schnell auf die richtige Seite, wo Du ihn leicht erreichen kannst. Und während Du Dich zentimeterweise durch den engen Kamin quetscht, hängt das weisse Gold stets in Griffweite. Einfach.

Ähnlich verhält es sich beim Klettern einer Mehrseillängenroute mit einem Rucksack. Manchmal ist es schwierig, unter den Rucksack zu greifen, um die Hand in den Chalkbag zu stecken. Dann kannst Du ihn einfach ein wenig zur Seite schieben. Mit dem beiliegenden Gurtband ist das jederzeit möglich.

Eine weitere tolle Funktion dieser Gurtbänder ist die Schnellverschlussschnalle. Bei einem Quicklink musst Du möglicherweise mit einer Zange herumhantieren, während Du eine Schnellverschlussschnalle einhändig öffnen kannst.

Dieses Merkmal verhindert, dass Dein Chalkbag ausläuft, wenn Du Dich zwischen den Seillängen hinsetzt oder zum Chillen auf die Bouldermatte legst, weil Du ihn vorher im Handumdrehen abgenommen hast. Natürlich kann man auch bei den anderen Methoden die Karabiner einfach aushängen. Dennoch sind wir überzeugt, dass es einfacher ist, die Schnalle auf Bauchhöhe zu öffnen.

Zusammenfassung

Wir vertreten natürlich die Auffassung, dass Kletterer ihre Chalkbags so tragen sollen, wie sie wollen. Dennoch empfehlen wir, dieses schöne, mit einer Verschlussschnalle versehene Gurtband zu verwenden. Es ist einfach funktioneller und einfacher in der Anwendung. Wenn Du Deinen Chalkbag trotzdem an Deinen Klettergurt klippen möchtest, haben wir eine andere Lösung für Dich – unseren Gym Chalk Bag.

Obwohl dieser neue Chalkbag ebenfalls ein Gurtband im Lieferumfang enthält, haben wir hinten einen Befestigungsriemen angebracht, der direkt an deinen Klettergurt eingehängt werden kann. Diese Lösung vermeidet die zusätzliche Länge und das Gewicht der oben genannten Methoden, während sie eine solide Befestigungsmöglichkeit an einem Hallenklettergurt bietet. Wir verstehen das Argument des fertig bestückten Klettergurts, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, ohne Chalkbag in der Halle oder am Fels aufzutauchen. Wenn es darum geht, solltest Du Dir den Gym Chalk Bag einmal genauer ansehen. Für diesen Verwendungszweck empfehlen sich ausserdem unsere Hallen- bzw. Sportklettergurte wie der Zone oder Solution. Die Nachziehschlaufe am Zone oder Solution ist etwas kürzer und befindet sich weiter oben als am Momentum, sodass ein befestigter Gym Chalk Bag genau auf der richtigen Höhe hängt.

Wenn Du trotzdem der Meinung bist, dass die Chalkbag-am-Karabiner-Befestigung genau Dein Ding ist, kein Problem. In unseren Augen bist Du trotzdem cool. Nur nicht ganz so cool wie Heinz Mariacher bei seinem Durchstieg von Rude Boys (8a+) im Jahr 1987 und sein im Wind schwingender Chalkbag – mit einem lila Karabiner am Klettergurt eingehängt.

 

--BD Content Manager Chris Parker


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