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Hazel Findlay: Gäste – Gemeinsamer Durchstieg der Salathé Wall (VI 5.13b; 8a/8a+) am El Cap.

Tuesday, Dezember 19, 2017
Black Diamond-Athletin Hazel Findlay verbrachte Ende November bis Anfang Dezember entspannt am El Cap – beim Lesen, Ausharren in einer Schlechtwetterfront, Zitieren von Kindergartenreimen und Sinnieren, warum Kletterer immer nur kurze Gäste an dieser riesigen Wand sind. Nebenbei konnte sie sich die freie Begehung ihrer vierten Route am El Cap sichern – die atemberaubende und ikonische Salathé Wall (VI 5.13b; 8a/8a+). Hier erzählt sie von ihrem Erlebnis und der schönen Zeit mit ihrem Partner Jonny Baker (und den piepsenden Fledermäusen...) in der Wand des El Cap.

Wir schalteten unsere Handys ein, um das Datum herauszufinden.

„Wir sitzen nun schon seit fünf Tagen auf diesem Band“, rief ich.

Jonny lachte.

„Das hört sich so an, als ob wir hier zu Gast wären.“

„Ja, genau. El Capitan hat uns hier vorübergehend einquartiert.“

Während unseres fünftägigen Aufenthaltes auf diesem sechs Meter langen und 50 cm breiten Band haben wir die Long Ledge wirklich gut kennengelernt. Sie besteht aus Fels, hat sandige Bereiche, ein paar Grasbüschel und stinkt nach Urin, ähnlich wie die meisten beliebten Routen am El Cap. Hinter und vor allem unter dem Band dehnt sich ein Meer von Granit aus, so weit, dass ich niemals behaupten würde, mich dort auszukennen. In unserer Portaledge fühlten wir uns wie in einem kleinen Boot, das über den Ozean treibt, und die Long Ledge war unser Ankerplatz. Und mit der schieren Höhe der uns umgebenden Felswände befand sich auch eine Menge Luft unterhalb unserer Ledge. Tatsächlich hängt die Wand leicht über, sodass zwischen den Füssen und den Baumwipfeln ungefähr 800 Meter Luft liegen.


Images: Jonny Baker

Wenn man auf der Wiese unterhalb der Wand steht und in unsere Richtung blickt, sieht man einen riesigen Felsschild, der die als Salathé Wall bekannte Linie krönt. Wie ein Blitz zieht sich ein 70 Meter langer Riss durch diesen Schild. Es gibt keine Trad-Route, die besser abgesichert werden kann. Auf den meisten Metern durch diesen Schild kannst Du alle paar Zentimeter eine Sicherung legen. Selbst wenn Du Dich wirklich blöd anstellst, ist es fast nicht möglich, keine ordentlichen Sicherungen unterzubringen. Dennoch ist die Ausgesetztheit gross genug, um deinen Magen gehörig in Unruhe zu versetzen, der Deinem Kopf einreden will, besser umzudrehen. Aus diesen Gründen sassen wir nun also auf der Long Ledge, ein praktischer Rastpunkt über der Stelle, an der der Riss ausläuft.

Eine Woche zuvor waren wir von oben abgeseilt, um die Headwall zu versuchen. Wir probierten verschiedene Züge, testeten unsere Fähigkeiten und unterschiedliche Varianten.

Jonny baumelte weiter unten und ich sass auf der Ledge beim Sichern, wahrscheinlich gerade mit Tagträumen oder meinem Handy beschäftigt. Plötzlich schrie er auf wie ein kleiner Junge und sprang vom Riss weg. An diesem Ort gehören unerwartete Schreie dieser Art zu den Dingen, die Dich fast zur Eissäule erstarren lassen. Ich blickte nach unten, wo Jonny mit Entsetzen den Riss anstarrte.

„Was ist los?“, schrie ich.

„Eine Fledermaus! Sie versucht, an meinen Füssen zu knabbern!“


Das war unsere erste Begegnung mit den Fledermäusen. Während unseres gesamten Aufenthaltes auf der Long Ledge konnte sich Jonny, kein Freund der kleinen Kreaturen, vermutlich aufgrund seiner Höhlenerfahrungen als Kind in Yorkshire nicht an sie gewöhnen. Für mich waren sie wie unbeabsichtigte Mitbewohner – man hat sie zwar nicht eingeladen, aber irgendwie teilen sie sich das Hotel mit uns. Jetzt, Ende November und ausserhalb der Saison, waren Jonny und ich an manchen Tagen die einzigen Menschen in der Wand. Die Abwesenheit anderer Menschen weckte meine Neugier an den Fledermäusen. Ich fragte mich „Wie ist das, eine Fledermaus zu sein?“ – die erste philosophische Frage seit meiner Zeit als Philosophiestudentin an der Universität. Wenn ich mich ausruhte, blickte ich in den Riss und versuchte, sie zu sehen. Ich war eifersüchtig, dass eine herausgekommen war, um Jonny zu sehen. Bei mir blieben sie tief in dem Riss. So tief, dass ihre Protestschreie das Einzige war, das ihre Existenz bewies. Das, und ihre Exkremente. Ich fragte mich, was sie davon hielten, dass wir an den Kanten ihrer Behausungen herumkletterten, dass weisses Pulver an ihren Türschwellen klebte und wir Markierungen in ihrem Garten hinterliessen. Meistens wünschte ich mir jedoch, dass sie nicht so viel auf den eh schon rutschigen Fels pinkeln und kacken würden. Vermutlich wünschten sie sich dasselbe von uns. Während meiner erfolgreichen Versuche dachte ich jedoch kaum an die Fledermäuse.

Am Sonntag waren wir auf der Long Ledge angekommen. Müde und voller Sehnsucht nach einer Ruhepause richteten wir zufrieden unsere Portaledge ein. Die vergangenen Tage waren heiss und schwül gewesen. Selbst Ende November erinnert die Sonne von Kalifornien eher an einen Todesstern als an irgendetwas anderes, unter dem Du existieren möchtest. Dehydriert und von der Sonne verbrannt manövrierten wir uns durch die Arbeit einer Bigwall – haulen, kettern, Seile aufnehmen, Ausrüstung sortieren und vor allem nichts fallen lassen (oder zumindest versuchten wir das). Im Laufe des Sonntags nahm der Wind zu und die Regenschleier in der Ferne rückten langsam näher. Ich war aufgeregt. Ein Sturm!

Mit dem Wind kamen perfekte Bedingungen für den ersten Teil der Headwall, die Jonny und mir ziemlich leicht viel. Im zweiten Teil ging es dann weniger lustig zu. Wir hatten eher auf einen schönen Aufwind gehofft, stattdessen mussten wir zusehen, dass es uns nicht von der Wand blies. Wir beschlossen, die Schotten dicht zu machen, unser Zeltdach über der Portaledge zu verstärken, alles wegzupacken, nur die wichtigsten Dinge griffbereit zu halten und möglichst alles irgendwie wasserdicht zu bekommen. Nachdem wir mit unserem Survival Camp zufrieden waren und unsere in Spannseile und Duct-Tape verpackte Portaledge eher einem Raumfahrzeug aus einem Schulprojekt glich, seilten wir erneut ab, um noch ein wenig im Toprope im oberen Teil der Headwall herumzuspielen.

Ich konnte mich noch einmal voll konzentrieren und alle Züge klettern. Dieser Abschnitt war ein Fragezeichen gewesen, das sich perfekt aufgelöst hatte. Ich setzte mich voll Freude ins Seil und schrie zu Jonny nach oben: „Ich kann es!“ Erst als sich die Wand verdunkelte, wurde mir bewusst, dass die sich die Schatten ungewöhnlich schnell voranbewegten. Kleine Schatten umkreisten meine Füsse und dann meinen Körper. Sie bewegten sich so schnell, dass ich sie nicht einzeln erkennen konnte. Daher fühlte es sich mehr nach einem grossen Ganzen als nach vielen kleinen Körpern an.

„Die Fledermäuse!“, schrie ich. „Sieh dir die Fledermäuse an!“

Während unseres Aufenthaltes konnten wir dieses Verhalten regelmässig beobachten. Die Schwalben und Fledermäuse trafen sich oft zu einer Art Sonnenuntergangsparade. Die Schwalben zogen die bessere Show ab, aber die Fledermäuse waren unsere Mitbewohner, daher interessierten wir uns mehr für sie. Anders als die Schwalben zeigten Fledermäuse ein eher unregelmässiges Flugmuster. Anstatt sich wie in einer gut organisierten Fischschule zu fühlen, kam es mir so vor, als würde ich überrannt werden. So schnell sie ihren Riss verlassen hatten, so schnell waren sie auch wieder drinnen, und trotz dieses energiegeladenen Ereignisses fragte ich mich, was sie mit dem Rest ihres Tages anstellten.


Die Aufregung über den Sturm ebbte bald ab. Laut las ich einige Seiten aus „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ und versuchte dabei, den Wind zu übertönen. Zu diesem Zeitpunkt fühlte es sich an, als würde der Wind über uns hinweg galoppieren und in blies mit unveränderlicher Geschwindigkeit. Unsere Portalegde wurde zu einer Rakete, die im Take-Off-Modus steckengeblieben war. Die Vibrationen des Zeltdachs wurden immer stärker. Schliesslich wurde es derart stark gebeutelt, dass ich den Atem anhielt und fast nicht glauben konnte, dass unsere kleine Unterkunft die Nacht unversehrt überstehen würde.

„Glaubst du, dass es den Fledermäusen gut geht?“, fragte ich Jonny. „Ob sie einfach aus dem Riss herausgespült werden?“

Ich war nicht wirklich um unsere Mitbewohner besorgt, weil sie ja nur unsere Mitbewohner und nicht unsere Freunde waren. Aber wie bei einem Mitbewohner, der vergessen hat, sein Mittagessen mit in die Arbeit zu nehmen, hatte ich doch Mitgefühl für die kleinen Wesen.

„Ich glaube, dass es einen Grund gibt, warum sie in der Salathé in den Riss gekrochen sind, Hazel. Ich glaube dieser Riss bleibt trocken.“

Jonny hatte Recht. Während die Fledermäuse tief und fest schliefen, zitterte ich die ganze Nacht in meinem kleinen Raumfahrzeug.

Wäre der El Cap ein Mensch, wäre seine Zehenspitze so hoch wie ein Haus... ein vierstöckiges Haus. Das grosse Dach wäre eine Sommersprosse. Die Bäume am Wandfuss wären Grashalme unter seinen Füssen. Die Headwall der Salathé, ein Lachfältchen unter einem schiefen Lächeln. Und die Kletterer? Die wären Flöhe auf seinem Rücken.

Wir mussten über einen Tag lang warten, bis alles wieder trocken war. Dies verlängerte unseren Aufenthalt am El Cap. Da wir nur begrenzte Ressourcen hatten, waren wir um das zusätzliche Wasser froh. Wir fingen vier Flaschen Wasser auf, das vom Rand unserer Portaledge tropfte. Abgesehen von dieser kleinen Aufgabe verbrachten wir den ganzen Tag in unserem feuchten und zum Glück festgebundenen Raumfahrzeug, lasen und schliefen uns richtig aus. Und natürlich wurde viel Tee gekocht. Es war, als hätte unser Gastgeber nach einer furiosen Nacht einen Schalter umgelegt, sodass wir nun friedlich beobachten konnten, wie sich die Wolken mit Niederschlag füllten und unseren frischen Ausblick in eine weissere, nässerere und kältere Welt einrahmten. Manchmal wurde ich unruhig und schrie ins Tal hinab, „We’re the kings of the castle and you’re the dirty rascals“, wie ein Kindergartenkind. El Cap und das Valley antworteten nicht. Ich kehrte zufrieden zu meinem Buch zurück.

Mir gefällt das kühle Wetter. Wir wachten früh am nächsten Tag auf und ich stieg, ohne mich aufzuwärmen, in die letzte Seillänge ein. In diesem Teil der Headwall gab es keine Fledermäuse, sodass ich mich voll auf den kalten Riss unter meinen Fingern, meine nach dem Rasttag regenerierten Kräfte und auf die einzigartigen Züge der letzten Schlüsselstelle konzentrieren konnte. Als ich den finalen (und leicht feuchten) Henkel in den Händen hielt, schrie ich vor Freude einige Dinge, die ich hier nicht wiederholen möchte.


Jonny ist ein unerfahrener Risskletterer und hat sich nicht näher mit dem Trad-Klettern befasst, seitdem er sich im Alter von 14 Jahren im Yorkshire-Grit fast den Rücken gebrochen hatte. Daher war die Headwall für ihn schwieriger als für mich. Er gab in dieser Ausdauerseillänge sein Bestes und stürzte am letzten Henkel, wobei er ein Stück Haut am Griff liess und einen tiefen Sturz in Kauf nahm. Er versuchte es erneut, aber ohne Erfolg. Während er sich um seine Verletzung kümmerte, erzählte Jonny, dass er schon lange nicht mehr so geklettert war, und schon gar nicht mit Trad-Ausrüstung. Dies war also seine erste Erfahrung an einer Bigwall. Ich fragte mich, ob es die Federmäuse spüren konnten, dass etwas Besonderes geschehen war.

Wir waren länger als vorgesehen auf der Long Ledge geblieben, aber von Versagen war nicht die Rede. Jonny war die Route zwar nicht durchgestiegen. Aber er hatte die Wand auf eine andere Art und Weise bezwungen. Wir verabschiedeten uns von der Long Ledge und unseren Mitbewohnern, kletterten die drei letzten Seillängen zum Gipfel und marschierten durch den Schnee zurück ins Valley. Unser Gastgeber wünschte uns eine gute Zeit und die Fledermäuse würden auch weiterhin für rutschige Griffe sorgen.


Artwork: Rhiannon Williams

—Hazel Findlay


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