Get Up To Get Down: Drei Backcountry-Rituale für diesen Winter

Du stehst vor dem Sonnenaufgang auf und reibst Dir den Schlaf aus den Augen. Du hast Dir diesen Ablauf über viele Jahre hinweg angewöhnt und ohne nachzudenken, machst Du Dich für den Tag bereit. Die Kaffeemaschine ist bereits befüllt und muss nur noch eingeschaltet werden. Snacks und zusätzliche Bekleidungsschichten sind ordentlich im Rucksack verstaut. Deine Ski? Die stehen aufgefellt neben der Haustüre bereit.

Die Vorbereitung auf einen Tag im Gelände ist ein feierliches Ritual. Und das aus gutem Grund. Mit einer Fülle an unbeständigen Variablen wie Beschaffenheit der Schneedecke und Winterwetter zahlt es sich aus, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Auf Nachfrage wird vermutlich jeder passionierte Skitourengeher die Vorteile seiner Tourenvorbereitung detailliert darlegen. Genau das haben wir für diesen Artikel getan – nachgefragt. Wir haben uns mit den Black Diamond-Athleten Mike Barney, Mary McIntyre und Tobin Seagel – drei exzellente Skifahrer und Profis durch und durch – über die sogenannten „guten Angewohnheiten“ unterhalten, die sie wirklich allen Skifahrern empfehlen würden.

Foto: Fred Marmsater

 

1. Sehr früh aufstehen

 

In den USA unter dem Begriff „Dawn Patrol“ bekannt, bedeutet dies hierzulande einfach, spätestens kurz vor Sonnenaufgang den Schuh in die Tourenbindung einrasten zu lassen. Kein geringerer als der Alpinist Alex Lowe führte diesen Begriff schon vor langer Zeit in den Black Diamond Salt Lake City Headquarters ein, und das Konzept des „frühen Vogels“ ist mittlerweile in der gesamten Outdoor-Community weit verbreitet. Klettern im Morgengrauen? Super. Dawn Patrol. Wandern bei Sonnenaufgang? Genial. Dawn Patrol.

Beim Skifahren hat dieser Irrsinn allerdings einen besonderen Grund. Man steht nicht um vier Uhr morgens auf, nur weil es witzig ist.

Sondern:

  • • Die Bedingungen sind um diese Zeit einfach besser.

„Es ist kälter, daher kann sich der Schnee nicht so schnell setzen, wenn Du im Tiefschnee unterwegs sein willst“, erklärt Barney. „Es ist einfach genial, wie Dir der Pulver um diese Zeit um die Ohren fliegt.“ Plus, „Die Atmosphäre in den Bergen bei Sonnenaufgang ist einfach schwer zu überbieten.“

Foto: Jeff Cricco

Mary Mac liebt unverspurte Hänge (wie die meisten Skifahrer), sodass sie gerne ein paar Stunden früher aufsteht.

„Wenn ich nach einem Schneesturm rausgehe, möchte ich am Hang sein, bevor die Sonne mit der langsamen (manchmal auch schnellen) Transformation des frischen Pulverschnees beginnt“, sagt sie.

„Wenn es nicht extrem kalt ist, beeinflusst die Sonne die Beschaffenheit des Schnees, sobald sie mit seiner Oberfläche in Kontakt kommt. Kalter Schnee ist einfach unschlagbar. Warmer Pulverschnee ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Wir nennen das „Hot Pow“, nur um es uns schön zu reden, dass der angewärmte Pulver nicht mehr leicht genug ist, um sich in Kniehöhe wie Daunenfedern aufzubauschen. Eine Stunde Verspätung kann ausreichen, um eine perfekte Line zu ruinieren“, fügt sie hinzu.

Foto: Fred Marmsater

Tobin sieht das ähnlich.

„Ist Dir schon aufgefallen, wie immer mehr Leute ins Gelände gehen?“, fragt er. „Manchmal sind die besten Lines schon gefahren, bevor Du dort ankommst. Der frühe Vogel fängt dem Wurm. Das war schon immer so.“

  • • Mehr Zeit zum Skifahren und mehr Zeit für die Fehlerbehebung

Das frühe Aufstehen für einen Tag im Backcountry dient auch einem Sicherheitsaspekt. Es verschafft Dir einfach mehr Zeit. Es geht dabei nicht nur um mehr Zeit auf dem Ski, sondern auch um mehr Sicherheit. Mehr Zeit für eine ausführliche Abschätzung der Bedingungen, für eventuell erforderliche Planänderungen und im Notfall mehr Stunden bei Tageslicht für eine Bergung.

Foto: Fred Marmsater

Barney, Bergführer in Vollzeitbeschäftigung, gibt zu bedenken:

„Ich musste verletzte Skitourengeher schon zu jeder Tages und Nachtzeit evakuieren. Bei Tageslicht ist es immer viel einfacher“, erklärt er.

Tobin erwähnt ausserdem, dass zu späterer Stunde immer weniger Leute unterwegs sind, die im Notfall helfen könnten.

Ein weiterer wichtiger Punkt: „Bergungshubschrauber stellen mit wenigen Ausnahmen ihre Flüge eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang ein.“

Mary Mac pflichtet dem bei und fügt hinzu:

„Ein leichter bis mittelschwerer Unfall ist bei Tageslicht überschaubar. Es bleibt genug Zeit, um Verletzte zu verbinden, einen langen Marsch ins Tal zurückzulegen oder Hilfe zu rufen. Wenn der Tag zu Neige geht, wird all das ungleich schwieriger. Die Gefahr, die Nacht im Gelände verbringen zu müssen, steigt und somit auch das Risiko einer Unterkühlung bei bereits verletzten Personen, sowie das Problem, bei einem Witterungseinbruch Unterschlupf zu finden.

Foto: Fred Marmsater

 

2. Planen, planen und nochmal planen.

 

Skitouren im Backcountry sollte man niemals auf die leichte Schulter nehmen. Unvorbereitet losmarschieren und improvisieren ist keine gute Idee. Bei diesem Sport ist eine gut durchdachte Planung der Weg zum Glück. Wir haben uns bereits über das frühe Aufstehen unterhalten. Dies bedeutet auch, dass Du Deinen Tag vorab durchplanen solltest.

„Spreche am Abend vorher mit Deinen Partnern, und am besten nicht in einer Bar, um früh starten zu können und einen erfolgreichen Tag zu erleben“, empfiehlt Barney.

Beachte, dass Dein Plan jederzeit über den Haufen geworfen werden kann. Das bedeutet, planen, planen und nochmal planen. Du bereitest also Plan A vor, danach Plan B und wenn möglich, auch noch Plan C.

Warum?

„Je weniger Informationen wir über die Beschaffenheit der Schneedecke und das Wetter haben, desto mehr Alternativen sollten wir im Blickfeld haben“, fügt Barney hinzu.

Foto: Fred Marmsater

Auch Mary Mac befolgt diese Faustregel.

„Meistens schauen wir uns erst einmal um und checken die Lage. Danach besprechen wir, basierend auf unserer Erfahrung, wo die besten Abfahrten sind und wo wir am sichersten aufsteigen können. Wenn Plan A schon 10 Spuren hat, schauen wir uns Plan B an. Wenn dort schon Schneebälle angerollt kommen, ist es möglicherweise besser, nach weiteren Alternativen zu suchen. Es ist nicht smart, stur ein Ziel zu verfolgen. Wenn die Bedingungen heute einfach nicht passen, sind die Berge auch morgen noch da. Und nächste Woche, und nächstes Jahr.“

Für Tobin bedeutet Planung auch, das meiste aus einem Skitag herauszuholen.

„Die Hangmitte herunterzubrettern ist vielleicht ein Rockstar-Moment Deiner Skifahrerkarriere, aber wenn Du einfach kein gutes Gefühl hast oder die Sonneneinstrahlung schon tief in die Schneedecke eingedrungen ist, ist es möglicherweise das Dümmste, was Du tun könntest”, gibt er zu bedenken. „Das bedeutet nicht, dass Du die Ski abschnallen und zurück zum Aufstieg marschieren musst. Durch eine vorausdenkende Planung und mit guter Geländekenntnis findet sich wahrscheinlich eine alternative Line, die auch Spass macht und die richtige Wahl für diesen Tag ist.“

Foto: Fred Marmsater

 

3. Ausrüstung am Vorabend packen

 

Bedenke, Du musst wirklich vor Sonnenaufgang aufstehen. Da willst Du nicht auch noch mit Packen anfangen. Verschlafen wie Du bist, wirst Du in der Eile wichtige Ausrüstungsgegenstände zu vergessen. Jeder erfahrene Skitourengeher wird Dir bestätigen, dass Rucksäcke und Ausrüstung fertig gepackt und aufgefellt bereitstehen sollten.

„Am Morgen bin ich viel zu müde zum Packen“, erzählt Mary Mac. „Zum Einen geht es um meine Sicherheit (ich kann abends einfach klarer denken und bemerke es schneller, wenn ich etwas wichtiges vergesse), zum Anderen ist es einfach praktisch, aufstehen und durchstarten zu können. Kaffee trinken, frühstücken, Rucksack und Ski einladen, und los geht's.“

Foto: Fred Marmsater

„Ausserdem ist es am Vorabend viel einfacher, Batterien zu wechseln, Stirnlampen rauszukramen und einen ganzen Tag in den Bergen zu planen als um vier Uhr morgens“, sagt sie.

Keine Überraschung, dass auch Barney das so sieht. Auch er bereitet sich am Abend auf seine Missionen vor.

„Am Abend vorher alles zusammenzupacken gibt mir mehr Zeit, den Tag zu antizipieren“, erklärt er. „Ist der Plan gut? Was könnte schiefgehen? Wie kann ich mich darauf vorbereiten?“

Tobin fügt hinzu, dass eine gut gepackte Ausrüstung nicht nur für Dich, sondern auch für Deine Partner wichtig ist.

Foto: Adam Clark

„Ebenso wichtig wie eine einsatzbereite Ausrüstung ist es, selbst bereit zu sein“, sagt er. „Niemand will mit jemandem unterwegs sein, der grantig und unausgeschlafen daherkommt, oder nicht mithalten kann, weil er einen Hangover hat. Mentale Einsatzbereitschaft und eine vollständige Ausrüstung erhöhen die Chancen für einen erfolgreichen Tag.“

So Leute, so sieht's aus. Ein paar gute Angewohnheiten, die man leicht als winterliche Rituale pflegen kann, helfen Euch, das meisten aus den Tagen im Backcountry herauszuholen.

Happy Lines!

Foto: Jeff Cricco