Luka Kranjc: Erinnerungen an die Erinnerung – die Begehung einer neuen 8b+ Mehrseillängenroute in Kroatien

Irgendwo an der Küste des Mittelmeerlandes Kroatien befindet sich der Nationalpark Paklenica, der sich vom Velebit-Gebirgsmassiv bis zur Adria erstreckt. Mit seinen steilen Wänden und der exotischen Lage bietet der Pakleica ein tolles Trainingsgebiet für Kletterer, von Anfängern bis hin zu den Profis in diesem Sport. Viele klettern hier ihre ersten Mehrseillängenrouten und wegen des milden Klimas ist Paklenica zu Beginn der Klettersaison ein perfektes Reiseziel. Dies ist der Ort, an dem ich vor über 20 Jahren mit dem Klettern begann. Seitdem bin ich jedes Jahr hierher zurückgekehrt. Noch heute, wenn ich durch die Schlucht spaziere, erinnere ich mich daran, wie tollpatschig ich mich bei der ersten Begegnung mit dem scharfen Kalkgestein angestellt habe und wie aufgeregt ich war.

Vor zwei Jahren stand ich zusammen mit Hayden Kennedy und schweren Rucksäcken voll Kletterausrüstung unter der steilsten Stelle der Anića Kuk. Es ging uns gut und wir waren offen für die neue Erfahrung, die uns diese hohe Wand bieten würde. Eine Woche mit viel Gelächter, Blödelei, Essen und Freude am Leben in der Wand und im Park ging viel zu schnell vorbei. Obwohl wir auf der Suche nach einem frei kletterbaren Weg ständig herumalberten, waren wir doch uns einig, dass es eine grossartige und herausfordernde Route war. Leider ist Hayden kürzlich verstorben und entdeckt seine perfekten Linien nun an einem anderen Ort. Dennoch bin ich mir sicher, dass er noch immer dasselbe Lächeln und dieselbe entspannte Herangehensweise besitzt wie damals.

Wir reisen um die Welt, besuchen die verschiedensten Länder und Kontinente, immer auf der Suche nach Herausforderungen in der Vertikalen. In diesem Prozess gefangen, vergessen wir oft, dass unsere „Königslinie“ häufig näher gelegen ist, als wir vielleicht denken. Möglicherweise liegt es daran, dass wir uns zu sehr auf die Ferne konzentrieren und die Dinge direkt vor unseren Augen verschwimmen. Als ich noch jünger war, bedeutete mir das Klettern einfach alles und war der Mittelpunkt meiner Existenz. Im Laufe der Jahre hat sich meine Sichtweise verändert und nun betrachte ich das Klettern mehr als einen Weg, um meine Balance im Leben zu finden und mich weiterzuentwickeln.

Inspiriert von der Exklusivität und Komplexität der Herausforderung war ich wie besessen von der Route, aber die Bedingungen wurden in der Hitze des Sommers eingedampft und meine Energie gleich mit. Obwohl es eigentlich unvorstellbar war, diese Überhänge an einem Tag zu bewältigen, wollte ich dennoch nicht aufgeben. Nach einem Winter intensiver Vorbereitungen kehrte ich zurück, um herauszufinden, ob es sich nun machbarer anfühlte. Nein, tat es nicht. Aber wie mit jeder Herausforderung im Leben hatte ich nicht wirklich erwartet, dass es plötzlich einfach erschien. Das Projektieren von herausfordernden Routen erinnert mich immer daran, auch die oberflächlich kleinen Dinge wertzuschätzen. Wenn ich einen winzigen Tritt finde, die Züge mit mehr Präzision schaffe oder einfach nur ein wenig tiefer atme, um meinen Flow zu finden – all das macht diese Erfahrung so einzigartig.

Nach einem weiteren Monat von Versuchen und Ruhetagen konnte ich mir langsam eine Vorstellung davon machen, alle Puzzleteile zusammenzufügen. Mein Selbstvertrauen wurde grösser, aber auch die Nervosität, ein Ziel zu erreichen, das so viel Energie und Willenskraft in Anspruch nahm. In solchen Momenten fragte ich mich oft: Was genau ist Erfolg? Am beginn meiner Kletterkarriere dachte ich, dass Erfolg im Klettern mit dem Durchstieg von Routen oder einem bestimmten Kletterstil zusammenhängt. Aber nach einer Weile habe ich eine Sache entdeckt, die auf viele Aspekte des Lebens zutrifft. Erfolg ist relativ. Wäre es ein Misserfolg, wenn ich die Route nicht bezwingen würde? Oder wäre der eigentliche Misserfolg, wenn es mir keinen Spass machen würde mein Bestes zu geben, ganz gleich, wie das Resultat aussieht?

Der Gefallen an dem Prozess, sich an die Schwierigkeiten anzupassen, inspiriert mich. Sich zu fühlen wie ein Kind im Süssigkeitenladen – danach strebe ich, und jede Herausforderung, die dieses Gefühl in mir weckt, erweckt mich zum Leben. In solchen Momenten brauche ich nichts anderes auf der Welt, ausser diese „Spielzeuge“ in meinen Händen. Das Gute ist, dass sich diese Gefühle auf alle anderen Lebensbereiche, die einem viel bedeuten, übertragen lassen.

„Es ist nur Klettern“, sagte ich zu mir. An einem ganz normalen Tag im Frühling fühlte sich nichts perfekt an, aber vielleicht war es gerade das, was ich brauchte, um nicht die innere Anspannung wahrzunehmen, während mein Gehirn meine Muskeln davon überzeugte, nicht loszulassen.

Als wir oben am Stand ankamen, im Schein unserer Stirnlampen, konnte ich noch nicht fassen, was gerade geschehen war. Mein Kopf war voll und leer zugleich. Die Konzentration wich und stattdessen kehrte Befriedigung ein. Noch nie hatte sich die Verwirklichung eines Kletterprojekts so intensiv angefühlt. Und tatsächlich erwies es sich als mehr, als nur ein Projekt. Jahrelange Träume, zwei Winter dediziertes Training und 27 Tage in der Route waren für diese Reise von der ersten Idee bis zum abschliessenden Epilog nötig. Ich hätte dieses Projekt ohne all die Menschen, die an mich glaubten, mich in der Route begleiteten und mir zuhörten, wenn ich davon sprach wie schwer es sich anfühlte, niemals verwirklichen können. Ohne diese Unterstützung und positive Energie könnte ich diese Worte nicht schreiben und die Erfahrung würde nicht existieren. Ich bin ihnen allen dankbar!

Die Route wurde bei ihrer Erstbegehung durch das legendäre slowenische Trio Silvo Karo, Janez Jeglič und Franček Knez im Jahr 1984 mit technischen Hilfsmitteln durchstiegen. Mir gelang die erste freie Begehung dieser Route, im Vorstieg, an einem Tag. Sie ist 350 Meter lang, vier Seillängen bewegen sich in den Schwierigkeitsgraden 8a+ bis 8c, die restlichen bis zu 7b+. Die Erstbegeher nannten die Route „Spomin“, was „Die Erinnerung“ bedeutet. Aus heutiger Sicht könnte die Namensgebung nicht besser sein.

Ich habe ein Bild von Hayden und mir beigefügt. Auf dem Bild chillen wir gerade am Stand (es gibt einen Liegestuhl-breiten Felsvorsprung in der Mitte des grössten Überhangs zwischen der 8c und der 8b+ Seillänge), hören Musik und labern Blödsinn.

Mir fehlt dieser Mensch und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an ihn und die wunderbare gemeinsame Zeit denke. Aber es sieht so aus, als ob das Leben eben so ist... also sollten wir es mit den Menschen, die wir lieben, so intensiv wie möglich geniessen.

—Luka Krajnc