Rusty und das „Four Finger Fuel“

„Das Leben war zu einfach mit 10 Fingern.“

Rusty Willis schmunzelt. Diese Art der Selbstironie und die „Glas-halb-voll“-Einstellung sind typisch für den bärtigen Mann aus Montana und auch dafür, wie er mit den Herausforderungen der Berge umgeht.

Natürlich war der Verlust des kleinen Fingers nicht leicht zu überwinden, auch wenn er fest behauptet, dass er „eh nicht so an ihm hing“.

Sein regelmässiger Kletterpartner Doug Chabot beschreibt ihn als Arbeitstier, und in den Bergen rund um seine Heimatstadt Bozeman ist Rusty als extrem motivierter aber eher schweigsamer Geselle bekannt. Manchmal ist er den ganzen Tag in einem WI 5 Eiswasserfall unweit von seinem Zuhause in Hyalite Canyon unterwegs und kehrt anschliessend nach Hause zu seiner Frau zurück, um sich dem Familienleben zu widmen, ohne ein weiteres Wort über seine Nachmittäglichen Abenteuer zu verlieren. Am nächsten Morgen steht der 45-jährige früh auf und fährt zu seiner Arbeit als selbstständiger Unternehmer.

Foto: Garret W. Smith

„Er fällt in die „stille Wasser sind tief“-Kategorie“, sagt Chabot. „Er verliert nicht viel Worte, sondern erledigt es einfach. Er hat sein eigenes Geschäft für Fliesen- und Bauarbeiten und ist an körperliche Arbeit gewöhnt. Daher nenne ich ihn auch beim Klettern „Arbeitstier“. Er zieht mich einfach mit!“

Den letzten Labor Day (ein Feiertag in den USA) verbrachte Rusty damit, einen Schaukelstuhl zu tischlern. Am Nachmittag passierte es – er rutschte mit seiner Hand an seiner Tischkreissäge ab... 

Er rannte ins Haus, holte seine Frau und einen Plastikbeutel, dann fischten sie den kaputten Finger aus einem Haufen Sägespäne und rasten in die Notaufnahme.„Ein Holzstück verkantete sich und schlug gegen meine Hand, genau in Richtung Sägeblatt“, erzählt er nüchtern. „Dabei wurde mein kleiner Finger abgetrennt.“

Der Finger war jedoch zu stark beschädigt, um wieder angenäht werden zu können.

„Ich musste diesen Verlust einfach hinnehmen und irgendwie damit klarkommen“, lacht Rusty.

Foto: Garret W. Smith

Laut seiner Frau war die erste Frage, die er dem Handchirurgen in der Notaufnahme stellte, wann er wieder Eisklettern gehen könnte.

„Ich dachte, dass Felsklettern eigentlich möglich sein sollte“, erzählt er. Aber für Rusty, einem eingefleischten Winterkletterer, ist das Eisklettern die wahre Leidenschaft.

„Es gefällt mir einfach, wie man die Geräte in den Händen hält“, erklärt Rusty.

Aber es dauerte sechs Wochen, bis Rusty seine Hand überhaupt wieder gebrauchen konnte, und an das Festhalten an einem Eisgerät war noch lange nicht zu denken. Also ging es zunächst mit Reha weiter.

„Die restlichen neun Finger mussten erst eine Menge Physiotherapiestunden durchlaufen, um ihre Haltekraft zu verbessern“, sagt sein Partner Chabot. „Und er verbrachte viel Zeit damit, seine Eisgeräte umzubauen und sich eine neue Schlagtechnik anzueignen, um wieder zu seiner alten Form zurückzufinden.“

Rusty begann mit seinen alten Cobra-Eisgeräten und baute den Griff um, indem er eine Fingerauflage hinzufügte und die Auflagefläche für die Hand veränderte, um die Lücke zu kompensieren, wo einst sein kleiner Finger gewesen war.

Aber nichts funktionierte wirklich zufriedenstellend.

Fotos: Courtesy of Rusty Willis

„Es klappte einfach nicht“, erzählt Rusty. „Es fühlte sich nicht richtig an, also versuchte ich dasselbe mit meinen Fusions. Dieses Mal ohne Fingerauflage und nur mit der Handauflagefläche. Hat auch nicht funktioniert.“

Was Rusty nicht in den Griff bekam, waren die Schwungeigenschaften. Die Modifizierungen am Eisgerät veränderten die Dynamik und das Gewicht und machten es generell schwieriger, die Haue präzise und effizient im Eis zu versenken.

Er erklärt, wie sich das anfühlt: Strecke Deinen kleinen Finger weg und versuche, eine Faust zu machen. So fühlt sich seine linke Hand nun für immer an.

Nämlich mit keinem geringeren als Kolin Powick (auch KP genannt), Climbing Category Director bei Black Diamond und hocherfahrener Ausrüstungs-Guru. Als Chabots Montana-Cowboy-Kletterfreund KP endlich begegnete, begannen die beiden augenblicklich, sich über Eisgeräte zu unterhalten.

KP hatte Rusty schon seit einigen Jahren auf dem Schirm, seit er von den wilden Abenteuern des Mannes aus Montana und Chabot in Pakistan beim Alpinklettern gehört hatte. Und erst kürzlich hatte KP auf Instagram von Rustys Notlage erfahren.

„Er hat einige Fotos von seinen modifizierten Cobras gepostet“ erzählt KP. „Als ich ihn in Bozeman traf, fragte ich also 'Hey, wie geht's?'“

Rusty sagte mir, dass es ihm nicht so toll ginge.

„Er erzählte, dass man mit dem Verlust des kleinen Fingers ungefähr 50% seiner Haltekraft einbüsst“, so KP. „Der Arzt hatte ihm das gesagt, was ich nicht wusste!“

Rusty beschrieb, wie schwierig es war, die Geräte fest in der Hand zu halten und dass sein Schwung völlig daneben sei, weil sich der Drehpunkt der Geräte verändert hätte.

KP wollte sofort helfen. Also fing er schon vor Ort an, nach einer Lösung zu suchen.

„Kolin nahm das nächste BD Fuel Eisgerät in die Hand und fragte mich, wo wir es abschneiden sollten“, lacht Rusty. „Ich habe es in die Hand genommen und wir haben es uns angesehen. Er sagte, er werde sich darum kümmern.“

Rusty war aufgeregt und schöpfte neue Hoffnung.

Als KP wieder in die BD Headquarters zurückgekehrt war, machte er sich zusammen mit seinem erfahrenen Team an Produktentwicklern an die Arbeit, um ein spezialisiertes Set Eisgeräte für Rusty zu bauen. Zuerst sprach er mit Brent Barghan, einem 24 Jahre alten Kletterfreak und Hexenmeister der Technik, der in seinem Wohnmobil auf dem Parkplatz der BD Headquarters lebt. KP zeigte ihm ein Foto von Rustys Hand und erläuterte die Situation.

Brent war sofort voll motiviert.

Innerhalb nur weniger Tage lagen ein paar professionell modifizierte Fuels (eines mit einem angepassten, kürzeren Schaft) auf KPs Schreibtisch. Aber das Team war noch nicht fertig. KP sprach mit Kasey Jarvis, VP of Design, und bat ihn darum, ein Logo für die modifizierten Fuels zu entwerfen. Kasey beauftragte Graham Turner, einen der jüngsten Industriedesigner bei Black Diamond, der ein Fotos von Rustys Hand in sein CAD-Programm hochlud und das Rusty Willis Four Finger-Logo entwarf. Das Team laserte Rustys Namen und das Logo auf den Geräteschaft und... das Rusty Willis Four Finger Fuel war geboren.

Einen letzten Schliff sollte das Set aber noch bekommen.

KP bat Coty Mayo – einen begnadeten Schneider mit der Berühmtheit eines HonnSolo (erinnert Ihr Euch an unseren Aprilscherz?) – ob er ein paar Handschuhe für Rusty abändern könnte.

„Im typischen Coty-Stil lagen ungefähr drei Stunden später je ein Paar unserer vier verschiedenen Eiskletterhandschuhe mit nur vier Fingern an der linken Hand auf meinem Tisch“, erzählt KP.

Foto: Andy Earl

KP versendete das Care-Paket mit der Post und wartete gespannt auf Rückmeldung.

Für Rusty bedeutete diese Geste etwas Unbeschreibliches.

„Ein Danke vermittelt noch nicht einmal annähernd, was ich empfinde“, schrieb er auf Instagram.

Aber der eigentliche Test bestand darin, wie die Geräte performen würden.

„Nach dem Verlust meines kleinen Fingers hatte ich kein Vertrauen mehr“, erzählt Rusty. „Ich ging zwar klettern, aber immer nur im Nachstieg. Ich konnte einfach nicht vorsteigen.“

Bereits am ersten Tag mit den Four Finger Fuels ging ich alles im Vorstieg“, lacht er. „Es ist toll, wieder voll dabei sein zu können.“

Chabot hat seinen alten Partner wieder, der inzwischen wieder so klettert, als wäre nichts gewesen.

„Er versucht, die Neun-Finger-Karte zu ziehen, wenn es zu seinem Vorteil ist, und ich muss zugeben, dass ich fast darauf reinfalle“ erzählt Chabot. „Aber ich weiss es besser. Wenn er nur noch acht Finger hätte, wäre es eine andere Geschichte.“

Und für Rusty?

„Wieder voll dabei sein zu können, war genau das, was ich gebraucht habe.

Foto: Garret W. Smith
 
Meine Motivation war bereits seit ein oder zwei Jahren nicht mehr wie früher“, erinnert er sich. „Ich habe mich sogar gefragt, ob es nicht besser wäre, mir andere Ziele zu suchen.“

Aber nun, nach diesem Verlust und Rückschlag, so Rusty, war seine Motivation neu entfacht.

„Jetzt bin ich wieder mit voller Begeisterung dabei“, grinst er.

 „Klettern bedeutet mir einfach alles.“

—BD Content Manager Chris Parker