BD Athlet Thomas Gaisbacher Im Schatten der 8000er

Fotos: Andreas Vigl

 


 

Am 13.04. war es endlich soweit. Stefan, Gumpy, Martin, Johannes, Andreas und ich trafen vollbepackt in München am Flughafen ein. Unser Ziel: die Befahrung des Shimshal Whitehorns in Pakistan. Die Informationen die wir über diesen Berg sammeln konnten, waren eher spärlich. Nur zwei Teams hatten es bis jetzt auf den Gipfel dieses Berges geschafft. Noch dazu galt die Route die wir mit Skiern befahren wollten bis jetzt als unbestiegen. Nur eine Person hatte einen Durchstieg durch diese Wand gewagt und ist seit dem am Berg verschollen. Doch die Bilder der Nordostwand überzeugten uns alle, um eine Reise dort hin zu wagen.

In Pakistan angekommen ging es zwei Tag über den Karakoram Highway in Richtung Norden nach Karimabad. Die bis jetzt schon sehr gewöhnungsbedürftigen Straßen wurden nun richtig interessant. In Europa kaum vorstellbar, führten hier selbstgebaute Wege durch riesige Schluchten und enge Täler. Auf abschüssigen Felsplatten wurden Steine übereinander gestapelt ohne den Einsatz von Beton oder Eisen und dienten nun als Strasse. Gerade so breit das ein Geländewagen darauf fahren konnte. Tiefblick und Adrenalin garantiert!

Nach einem weiteren Tag erreichten wir schließlich das Dorf Shimsal in Hunza auf 3100m. Hier befand sich der Ausgangspunkt für unsere Expedition. Es war gerade Frühlingsbeginn und alle Leute im Dorf bestellten fleissig ihre Felder. Beim Anblick der kargen Landschaft wirkte es fast schon surreal. Weit und breit nur Sand Steine und riesige Schutthänge.

Das Wetter empfing uns nicht so freundlich wie die Einheimischen es taten. Es hatte bis ins Tal hinunter geschneit und die Temperaturen waren für diese Jahreszeit sehr kalt. Unser erster Plan war eine Akklimatisierungtour auf die gegenüberliegende Bergkette des Whitehorns. Von dort aus sollten wir einen schönen Überblick auf unseren Berg bekommen. Bei Schneesturm trugen wir un-ser Gepäck mit Hilfe von Trägen hoch nach Zartgurben auf 4100m. Dort befand sich eine kleine Steinhütte am Ende eines grossen Plateaus. Von den Einheimischen wurde dieses als Fussballfeld und zum Cricket spielen benutzt. Am nächsten Morgen staunten wir nicht schlecht als wir vor die Tür traten. Es war über Nacht schön geworden und nun erstrahlten die Berge in einem noch nie gesehenen Weiß. Der Kontrast war einfach unglaublich.

Das Whitehorn, unbeschreiblich schön wie es aus dem Boden ragte. Seine Flanken beladen mit Schnee. Jetzt war die Freude und Euphorie gross. Wir studierten mit unserem Fernglas mögliche Linien und waren uns alle einig. Eine Befahrung dieses Giganten könnte klappen. Doch zuerst mussten wir uns noch richtig akklimatisieren. Nach einem Tag über 5000m und dem Einbohren einer Mehrseillängen Route für die Leute vor Ort, stiegen wir weiter auf. Nach einem endlosen Tal und 600 Höhenmeter später mit schweren Gepäck, erreichten wir eine weitere Hütte. Dieses Mal war ich richtig erschöpft. Bei der Anreise hatte mich eine Lebensmittelvergiftung übelst außer Gefecht gesetzt und nun bemerkte ich, dass ich mich noch nicht richtig davon erholt hatte. Im Gegenteil. Auch hatte ich mir beim ersten Aufstieg das Rippenfell verkühlt und hatte nun Probleme mit dem Atmen.

Die Nacht war ein Horror. Ich wusste dass ich keinen weiteren Tag mehr in großer Höhe verbringen durfte, da sich mein Zustand nur verschlechtern würde. Was aber auch bedeutete, dass mir 3 wertvolle Tage Akklimatisierung fehlen würden. Also fasste ich den Entschluss nochmals kurz auf über 5000m aufzusteigen. Ich verlies das Zelt so gegen 4.00 Früh da an ein Liegen nicht mehr zu denken war. Ich informierte meine Kollegen über meinen Plan und marschierte los. Nach 1,5 Stunden erreichte ich den Sattel wo endlich Schnee lag und ich meine Skier an die Füsse schnallen konnte. Der Rücken der Richtung Gipfelgrat hochzog wurde immer spitzer und führte über riesige Flanken aus Schnee. Er wurde zu spitz so dass ich ein wenig in den Hang rein queren musste und dann auf einmal ein lauter Knall. Der Boden bebte und ich blieb wie angewurzelt stehen. 1 Meter unter mir hatte sich der komplette Hang gelöst und jagte nun mit lauten Getöse in die Tiefe. Wie auf rohen Eiern bewegte ich mich wieder zurück auf die etwas breitere Stelle des Grates.

Mir war schlecht und meine Knie zitterten. Ich wusste wieviel Glück ich gerade gehabt hatte und ärgerte mich über mich selbst. Ich war so auf mich und meinen Körper fixiert gewesen, dass ich nicht merkte wie gefährlich die Verhältnisse wirklich waren. Der Neuschnee konnte sich nicht mit mit dem Altschnee verbinden. Zu trocken und zu grosse Kristalle verhinderten eine Bindung dieser beiden Schichten. Schon ein kleines Zusatzgewicht löste riesige Lawinen aus. Nun sah ich überall die Anrisse. Einzig Westseitig hat sich der Schnee gesetzt. Dort fand ich auch einen sicheren Hang und fuhr diesen mit meinen Skiern ab. Die anderen frühstückten gerade als ich zurück ins Lager kam. Ich erzählte ihnen von meinen Ereignissen und sie waren nicht gerade begeistert. Wir alle wussten nun, sollten die Verhältnisse am Whitehorn dieselben sein, ist an eine Besteigung geschweige an eine Befahrung des Whitehorns nicht zu denken.

Der Fotograf Andreas Vigl begleitete mich auf den Weg zurück ins Dorf. Auch er hatte noch mit den Folgen einer Lebensmittelvergiftung zu kämpfen.

Der andere Teil der Gruppe blieb noch 2 Tage länger und kam dann auch zurück ins Tal. Wir besprochen die Lage und beschlossen einen Versuch am Whitehorn in den nächsten Tagen zu wagen. Sollten die Verhältnisse wirklich dieselben wie in Zartbgurben sein, hatten wir uns das Couloir of 1000 gutters als Alternativeis ins Auge gefasst. Es ist eine Rinne die auf den Nordgrat des Whitehorns führt. Bei weitem nicht so hoh, steil und exponiert wie die Nordostwand, aber trotzdem eine nicht zu unterschätzende Unternehmung. Die Exposition war rein Süd und so hofften wir, dass sich der Schnee entweder gesetzt hatte oder eine Lawine bereits abgegangen war.

Aber jetzt wurde erst mal gerastet. In der Zwischenzeit errichteten wir für die Einheimischen einen kleinen Klettergarten und veranstalteten einen Kletterwettkampf für die Kinder. Nach diesen vielen fröhlichen und dankbaren Gesichter fühlten wir uns bereit und organisierten Träger für unser Vorhaben. Leider waren gerade alle damit beschäftigt ihre Felder zu bestellen und wir konnten mit Müh und Not nur 4 Träger motivieren. Jedoch würden uns diese nur bis zum Beginn der Schneegrenze begleiten. Dannach wären wir auf uns allein gestellt.

Also packten wir sehr minimalistisch und schleppten den größten Teil selbst. Die Träger waren Müde von der Feldarbeit und kamen erst gar nicht bis zum Schnee. Als wir schliesslich unseren Bivakplatz erreichten, waren wir ziemlich erledigt und freuten uns auf das Abendessen. Doch leider war beim Packen ein Fehler passiert und eine Tasche mit Essen fehlte. Die Gesichter wurden lang als wir die Kalorien zusammenzählten welche uns für die nächsten Tage mit Energie versorgen sollten. Ein besserer Wurstsemmel für jeden.

Nächsten Tag machten wir uns sehr früh auf den Weg und erkletterten das obere Platteau des Gletschers welches direkt an dem Fusse des Whitehorns lag. Wir waren schon seit 3 Stunden unterwegs aber der Einstieg kam nicht näher. Jetzt wurde einem zum ersten Mal die Dimension diese Berges bewusst. Wir entdeckten überall Anrisse und mussten feststellen, dass unter dem Schnee nur blankes Eis lag. Es hatte den ganzen Winter über nicht geschneit, nur als wir in diesem Tal eintrafen kam über 1 Meter Neuschnee dazu. Im unteren Teil hatte es schon grosse Flächen heraus gerissen und oben wartete der Schnee nur darauf bis jemand ein Fuss hineinsetzt um abzurutschen. Es war sofort klar das dieses Unternehmen gestorben ist und wir jetzt nach Alternativen suchen mussten. Und wie gehofft war auf dem Couloir of 1000 Gutters bereits eine Lawine abgegangen und hatte somit jegliche Gefahrenstellen entschärft. Wir kletterten über den Lawinenkegel nach oben, immer im Angesicht dieses monströsen Berges. Was für eine Flanke!

In dieser Höhe die Skier am Rücken zu tragen war schon schwer genug, aber die Sonne die gerade am Himmel stand brachte uns förmlich um den Verstand. Meine Rippenfellentzündung hatte sich leider auch wieder bemerkbar gemacht und ich hatte große Mühe mich weiter zu motivieren. Gott sei dank war Gumpy in Höchstform und stapfte vorne weg wie eine Maschine. Nach Millionen von Fusstapfen und drei Schmerztabletten später, standen wir schliesslich am Ausstieg der Rinne auf einer Höhe von ca.5750m. Ein unvergessliches Panorama. Der Grat spitz wie eine Messerschneide. Unbestiegen und abweisend.

Jetzt nur noch abwärts, was für eine Wohltat. Der obere Teil war hart und wir konnten einige schöne Schwünge in das Couloir ziehen. Weiter unten wurde das flüssige Fahren leider von den nun gefrorenen Lawinenkegeln gebremst. Das Rattern holte die letzten Kraftreserven aus unseren Muskeln. Völlig erschöpft aber überglücklich über die erfolgreiche Abfahrt des Couloir of 1000 Gutters erreichten wir wieder unser Basecamp. Wirklich Lust hatte keiner mehr jetzt noch bis ins Dorf abzusteigen, aber getrieben vom Hunger bewältigten wir auch dies noch. Nach ca. 2700 Metern Höhendifferenz trafen wir schliesslich im Dorf ein und feierten die Befahrung mit einem unglaublich guten Glas kalter Kohla.

Nicht immer funktioniert alles so wie man es gerne hätte. Auch wenn wir eine Befahrung des Whitehorns nicht in Angriff nehmen konnten, so war für mich alleine die Reise dorthin eine unglaubliche Erfahrung und ein sehr grosses Abenteuer. Die Draufgabe trotz der bescheidenen Verhältnisse doch noch ein Couloir zu befahren war toll und macht den Trip zu einem unvergesslichen Erlebnis.  

--BD Athlet Thomas Gaisbacher