Back To Experience

Mit der Elektrobahn ins Skigebiet – Tobin Seagel und Giulia Monego entdecken die unberührte Gegend rund um Vatnahalsen, Norwegen

Tuesday, November 19, 2019
Seht euch diesen Clip an, in dem die Black Diamond-Athleten Tobin Seagel und Giulia Monego herausfinden, dass eine norwegische Elektrobahn der Schlüssel zu einem grenzenlosen, unberührten Skigebiet im Backcountry ist.
Video: Steller Sight and Sound Fotos: Mattias Fredriksson

 


 

Die Waffeln in Vatnahalsen sind weltklasse.

Petter Andresen, Skifanatiker mit Unternehmergeist und einem Gespür für Neuerfindungen serviert dieses leckere Gebäck aus seiner Waffelbar, die er im Aufenthaltsbereich seines Hotels im Stil der dreißiger Jahre eingerichtet hat. „Waffeln und Kaffee sind für Skifahrer gratis. Das bedeutet, dass ihr selbst an schlechten Tagen etwas habt, worauf ihr euch freuen könnt“, meint der Besitzer und Gastgeber  schmunzelnd.

train photo 1
train photo 2
train photo 3

Ich war gerade in Vatnahalsen angekommen, in einem abgeschiedenen Hotel irgendwo in Norwegen, mit der Elektrobahn zwei Stunden von Bergen entfernt. Mich begleiteten Giulia Monego, eine in Chamonix ansässige, italienische Profiskifahrerin und Bergführerin, sowie Mattias Frederikson, ein für sein magisches Auge bekannter Kameramann schwedisch-kanadischer Herkunft. Die Züge pendeln täglich zwischen Oslo, Bergen und Myrdal Station, wo die Fahrgäste in die lokale Flåmsbana umsteigen. Diese Bahnlinie führt über rund 860 Höhenmeter mit einer Steigung von bis zu 55 % (eine der steilsten Bergbahnen der Welt) von den Bergen in die Ortschaft Flåm am Aurlandsfjord, ein Ableger des Sognefjords. Der Bau der Bahnlinie begann im Jahr 1924. Es dauerte jedoch fast 16 Jahre, die 20 in Handarbeit angelegten Tunnel fertigzustellen, sodass der Personenverkehr erst 1940 aufgenommen werden konnte. Die endgültige Fertigstellung erfolgte 1944 mit der Elektrifizierung der Strecke. Die ursprünglich zum Gütertransport zwischen Norwegen und Europa angelegte Bahn gehört heute in den Sommermonaten zu den wichtigsten Touristenattraktionen Norwegens. Auch die Popularität während der Wintermonate könnte zunehmen, wenn skibegeisterte Menschen diesen Zugang zu uneingeschränktem Gelände und einem unglaublich gastfreundlichen Hotel entdecken.

In verschlissenen New Balance-Sneakern, einer alten Levis 513 und einem offensichtlich ebenfalls viel getragenen, roten Sweatshirt wurden wir von Petter am Bahnsteig von Vatnahalsen (unsere Haltestelle auf der Flåmsbana) in Empfang genommen. Er besaß die klassische Schroffheit eines in die Jahre gekommenen Bergführers, gepaart mit der unvergleichlichen Herzlichkeit einer aufrichtigen Seele. Begleitet wurde er von seinem Bordercollie-Mischling Viggo, der während unseres gesamten Aufenthalts nur selten von seiner Seite wich. Wir luden die Skitaschen aus dem Zug und Petter packte sie auf einen Schlitten, der von einem uralten Schneemobil gezogen wurde. Zu Fuß legten wir den kurzen Anstieg zum Hotel zurück, das uns in seinem roten Anstrich wie aus einer Touristenbroschüre entgegenleuchtete.  Ein Hotel mit einer Tradition frisch gebackener Waffeln.

ski image 1
ski image 2
ski image 3

Das Hotel befand sich am Fuße von Bergen, die Hunderte von Metern in die Höhe ragten – mächtige, runde Formen, die wie auf dem Kopf stehende Vasen vorsichtig in die Landschaft hineingemeißelt waren. Je länger wir diesen Anblick genossen, desto mehr Linien entdeckten wir – Rinnen, Freeride-Gelände, alpine Anstiege und wunderschöne, sanft geschwungene Hügel. Wir hatten ein Freeride-Paradies gefunden, wie ein Crossover zwischen Riksgrassen und Whistler. Unter uns schlängelte sich das 20 km lange Tal zum Sognefjord, in dessen steile Hänge die Elektrobahn eingraviert war. Es ist nur schwer nachvollziehbar, wie dieses Gebiet bis zum Jahre 2015 unentdeckt geblieben war, als Petter, der kurz zuvor für seine Himbeerzucht hierhergezogen war, und sein Freund anfingen, die Gegend auszukundschaften.

„Ich kannte die Flåmsbana-Bahnlinie bereits. Vor langer Zeit, auf dem Weg von Oslo nach Bergen, kam ich in Myrdal vorbei und dachte mir, dass man hier gut Freeriden könnte. Als ich nach Lærdal umzog, fragte mich ein Freund, ob es möglich wäre, mit der Flåmsbana hinaufzufahren und Skifahren zu gehen. Wir studierten einige Karten. Also fuhren wir hinauf und probierten es aus. Ich war noch nie zuvor mit der Flåmsbana gefahren. Das war im Jahr 2015, einem Jahr mit sehr guten Schneeverhältnissen. Und es ging super!“ Petters Augen werden groß und seine Hände schweben in großen Gesten durch die Luft, während er sein erstes Skiabenteuer in Vatnahalsen beschreibt. „Oh Mann, das war so cooool!“, strahlt er.

ski image 4
ski image 5


„Ich kannte das Hotel, war aber noch nie dort abgestiegen. Nach dem ersten Skitag, rief ich bei den Besitzern an und fragte, ob wir am folgenden Wochenende zurückkommen könnten. Wir trafen uns zum Abendessen und ich erinnere mich, wie ich sagte: „Ich würde nie ein Hotel kaufen, aber wenn doch, dann wäre es dieses Hotel.“

Es fühlt sich nur angemessen an, dass der Weg zum Besitzer eines der einzigartigsten Skihotels der Welt ein wenig durch Zufall und Magie geebnet wurde. Der in Oslo, Norwegen, geborene Petter lernte früh das Skifahren, was bis heute zu seinen großen Leidenschaften gehört, und dieser Hintergrund wurde zu seinem Kompass. Obwohl sich sein Lebensweg am ehesten als der eines Unternehmers beschreiben lässt, scheint es ihm dabei jedoch nicht ums Geld zu gehen. Leidenschaft ist die wichtigste Motivation, in ein Projekt einzusteigen, und mit dem Hotel ist er zu seinem Ausgangspunkt zurückgekehrt – seine Liebe zum Skifahren.

„Wenn du dich nur darauf fokussierst, Geld zu machen, wirst du keinen Erfolg haben. Mir geht es darum, Menschen glücklich zu machen und eine gute Zeit zu haben.“ Petter weiß, wovon er spricht.

„Niemand verstand die Schönheit und das Potential dieses Gebiets zum Skifahren. Die lokalen Hotelbesitzer hatten mit dem Skisport nichts am Hut“, erinnert sich Petter.

„Und ich war gerade in der richtigen Laune, in die Tourismusbranche einzusteigen., Es war klar, dass es sich um eine unterentwickelte Gegend handelte. Wie konnte ich sie für andere Skifahrer zugänglicher machen? Da dachte ich noch nicht daran, Hotelbesitzer zu werden. Ich kam häufig mit Freunden nur fürs Wochenende hierher, und Vatnahalsen entwickelte sich zu einer kleinen Community. Im Herbst 2015 erhielt ich einen Anruf von einem Immobilienmakler. Die Besitzer des Hotels, die Aksnes, hatten das Hotel fast 40 Jahre lang als traditionelle Familienhotel geführt. Sie hatten sich um alles selber gekümmert. Die Winter waren beinahe vollständig unbelegt, die Sommer hingegen stark frequentiert. Auf diese Weise verloren sie im Winter die Einnahmen, die sie im Sommer gemacht hatten. Sie beschlossen, das Hotel zu verkaufen, und ich bekam die Chance, es zu übernehmen.“

Zusammen mit seinem Vater, seinem Bruder und einigen befreundeten Investoren wurde Petter plötzlich Hotelbesitzer. Einfach so.

In Vatnahalsen geht es um mehr als nur das Skifahren, es ist eine „vollständige“ Erfahrung. Das Abhängen mit Freunden und anderen Gästen im Aufenthaltsbereich, die warmen, hausgemachten Waffeln nach dem Skifahren, das gemeinsame Bier am Abend, all das schafft eine freundliche und einzigartige Atmosphäre, als ob du Zuhause bei Freunden bist. Das Personal ist happy und das macht die Gäste happy – ich erinnere mich noch immer an das fröhliche Gelächter des Bartenders, während er mit seinen Gästen sprach. Das war authentisch, sowas kannst du nicht spielen. So ist die Stimmung in Vatnahalsen – einfach unvergesslich. Es ist das einfache Leben, ohne Luxus, aber mit gutem Essen, oft aus lokaler Herstellung, serviert für alle Gäste wie bei einem Familientreffen, das ein eindrucksvolleres Erlebnis vermittelt als jedes 5-Sterne-Resort. Vatnahalsen hat alles was du brauchst, nicht mehr, nicht weniger. Keine Geschäftsräume. Echter Wert. Einfachheit.

Giulia Monego fasst das Lebensgefühl an diesem Ort so zusammen: „Es gibt keine anderen Restaurants oder Bars, alles spielt sich im Hotel ab. Das fühlt sich unglaublich vertraut und herzlich an. Die Leute unterhalten sich und hängen ab. Es entstehen neue Freundschaften und die Leute bleiben auf dem Teppich. Es geht nicht darum, cool zu sein oder mit Leistungen zu prahlen. Niemand spricht darüber, wie viele Höhenmeter sie abgespult haben oder was für coole Abfahrten sie gefahren sind. Es geht einfach nur darum, eine gute Zeit zu haben und die Natur zu genießen.“

Ski image 6
Ski image 7
Ski image 8

Während in der Skibranche immer mehr Skigebiete zu noch größeren Einheiten verschmelzen und immer eintönigere Erlebnisse produzieren, während der Klimawandel unseren Zugang zur Natur infrage stellt und Smartphones unser Leben immer stärker beeinflussen, kann man leicht den einfachen Zugang und die einfachen Erfahrungen aus den Augen verlieren, die am Anfang standen, als wir einst die Berge entdeckten. Es gibt Menschen, die mehr wollen als die riesigen Skigebiete oder 5-Sterne-Heli-Lodges bieten, die sich nachhaltigere Lösungen und umweltschonende Aktivitäten wünschen. Möglicherweise ist dieses schlichte norwegische Hotel ein Wegweiser in die Zukunft des Skifahrens im Backcountry, indem es in seiner Geschichte fest verwurzelt bleibt. Es bietet eine langsamere, authentischere Erfahrung, die in der modernen Welt rar geworden ist. Auch wenn du nicht auf der Suche nach Anschluss bist, ist das Skifahren einzigartig und die Waffeln sind immer schmackhaft.

– Black Diamond-Athlet Tobin Seagel


Featured Gear

Comments