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Eine abenteuerliche Rundtour in Engelberg

Monday, April 13, 2020
Engelberg ist als Freeride-Mekka bekannt. Doch wer etwas Aufstieg nicht scheut, entflieht dem Rummel auf abenteuerliche Skitouren. Zum Beispiel zum Wintergipfel des Graustocks, den man auf einem eher unkonventionellen aber spannenden Weg erreicht.
Text und Film: Dominik Osswald

 



Eine abenteuerliche Rundtour in Engelberg

 

Engelberg ist als Freeride-Mekka bekannt. Doch wer etwas Aufstieg nicht scheut, entflieht dem Rummel auf abenteuerliche Skitouren. Zum Beispiel zum Wintergipfel des Graustocks, den man auf einem eher unkonventionellen aber spannenden Weg erreicht.

 

Anstehen ist keine Seltenheit an der Talstation in Engelberg. Alle wollen hoch ins hochgelobte Freeride-Mekka rundum den Titlis. Endlich oben angekommen stürzen wir uns aber nicht in die Abfahrt, sondern ziehen die Felle auf und sind im Nu dem Skigebiet-Rummel entflohen. “Wer ein bisschen zu Fuss geht, ist sofort abseits der Massen”, sagt Remo Baltermia, unser Bergführer, und zeigt mit dem Stock, wo es lang geht. Sanft steigen wir vom Jochpass einen Südhang empor, bis es plötzlich steil wird. Die letzten Meter auf die Südwest-Schulter des Rot Nollens stellen die erste Krux dar. “Diese Ecke kann heikel sein je nach Lawinenverhältnissen”, so Remo. Wir binden die Ski kurz auf den Rucksack und gehen zu Fuss weiter. Kaum haben wir die Schulter erreicht, öffnet sich wieder eine flache Mulde vor uns, dahinter fällt der Blick Richtung Engstlenalp und bis rüber zum Wetterhorn im Berner Oberland. Es herrscht totale Ruhe und Abgeschiedenheit. Kaum zu glauben, dass das Skigebiet nur einen Steinwurf entfernt liegt. Durch hügeliges Gelände legt Remo eine angenehme Aufstiegsspur hoch zum Kamm, der abrupt an vertikalen Felsen endet. Wir werden unsere Kräfte noch brauchen, denn die physische Krux der Tour steht noch bevor. “Ihr seid ja sicher gute Kletterer”, sagt Remo lächelnd. Denn was uns dort erwartet, ist ein 120 Meter hoher Klettersteig. Und zwar nicht irgendeiner: “Der gehört zu den anspruchsvollsten in der Region”, so Remo.

Tatsächlich. Es geht gleich zur Sache. Entlang den Eisenstiften hangeln wir uns die senkrechte Wand hoch. Nach wenigen Minuten haben wir bereits ordentlich Luft unter den Füssen. Man könnte glatt vergessen, dass wir uns auf einer Skitour befinden! Leichte Ski sind dringend zu empfehlen für diese Tour, denn das Zusatzgewicht auf dem Rücken macht die Sache nicht gerade einfacher. Das geringe Gewicht unserer Helio 95 Carbon-Ski von Black Diamond ist hier ein grosser Bonus! Im oberen Teil präsentiert sich der Klettersteig zusätzlich verschneit, man wähnt sich mitten im alpinen Extremgelände – was es hier ohne die Eisenstangen auch durchaus wäre. “Wer diese Tour unternehmen will, sollte sich zuerst erkundigen ob die Seile und Stifte drin sind, manchmal werden die im Winter auch rausgenommen”, empfiehlt Remo und befreit die letzte Leiter vom Schnee, der sich hier angepappt hat.

Dann ist es geschafft. Der Wintergipfel des Graustocks ist einer zum verweilen: ein angenehmes Plateau mit grandioser Rundumsicht. Doch Vorsicht vor der Wechte, die ostwärts über die senkrechte Wand hinausragt! Unsere Tour geht zum Glück westwärts weiter. Vor uns liegt ein unberührter Hang, der uns ins einsame Schaftal bringt. Stets der tief stehenden Sonne folgend, gelangen wir über herrliche Hänge hinunter zum gefrorenen Engstlensee. Die Traverse über die ruhige Seeebene ist der perfekte Ausklang eines abenteuerreichen Tags. In der Ferne sehen wir den Lift, der uns zum Jochpass hochbringt. Als wir wieder im Skigebiet ankommen, ist es bereits verlassen. Die Bergspitzen stehen noch im Rosa der letzten Sonne, so auch der Graustock.

Eine abenteuerliche Rundtour mit Seltenheitswert! “Das schafft nicht jeder”, sagt Remo anerkennend, nur um anzufügen: “Aber fast jeder.”

 

 

Angaben zur Tour:

Vom Jochpass den Südhang hinaus auf die SW-Schulter des Rot Nollens traversieren (Vorsicht Lawinengefahr) und danach in der dahinter liegenden Geländekammer (Obri Gummi) zum Beginn des Klettersteigs. Nun 120 anstrengende Meter dem Klettersteig folgen (mehrheitlich senkrecht) bis zum Wintergipfel des Graustocks (Schafberg). Die Abfahrt folgt dem Schaftal westwärts hinunter zum gefrorenen Engstlensee und über diesen zurück zum
Jochpass-Lift. Dauer ca. 4-5 Stunden. Bergführer: Remo Baltermia, Engelberg.
www.remoguide.ch

 

Material:

- Normale Tourenausrüstung, von Vorteil leicht! Z.B. Helio 95 Carbon-Ski von Black Diamond

- Leichter Klettergurt, z.B. “Couloir” von Black Diamond (anziehbar ohne, dass man mit den Skischuhen durch die Beinschlaufen steigen muss!)

- Rucksack mit Aufbinde-Möglichkeiten für Ski, z.B. “Cirque” 35L von Black Diamond, der ideale Rucksack für anspruchsvolles Skibergsteigen.

- Klettersteigset

- Helm

- Steigeisen und Pickel je nach Schneeverhältnisse im Klettersteig

- 30 Meter Seil, falls Nachsteiger gesichert werden soll


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