Climbing Out Of Disaster: So überwinden die Kletterer von Puerto Rico den Hurrikan Maria

Video: Encompass Films; Images: Dominic Gill

 


 

F&A:

Wie bist Du zum Klettern gekommen?

Ein Freund von mir hat mich im Jahr 2004 zum Klettern gebracht. Er hat mich zwei Mal mitgenommen und mir mein erstes Paar Schuhe geschenkt. Ich habe mich sofort in diesen Sport verliebt. Dieser Freund musste jedoch nach Mexiko umziehen, und danach traf ich erstmal keine Kletterer mehr. Die Schuhe standen also unbenutzt im Schrank, bis ich im Jahr 2008 einen Freund besuchte und auf seinem Tisch eine Kletterzeitschrift liegen sah. Als ich ihn darauf ansprach, er erzählte mir, dass er vor vier Monaten mit dem Klettern angefangen hatte. Ich schnappte meine Kletterschuhe und schloss ich mich ihm an – seitdem klettere ich.

Images: Dominic Gill

Was hat Dich am Klettern begeistert?

Ich habe mich schon immer gerne bewegt und mag die Art und Weise, wie es den Körper stimuliert. Ich habe gesurft, getanzt, Capoeira und Tai-Chi gemacht, und vieles mehr. Aber ich habe auch schon immer die Natur und das Draussensein geliebt. Ich glaube die Mischung der körperlichen Komponente und der mentalen Herausforderung funktioniert einfach gut für mich. Eigentlich lebe ich inzwischen für das Klettern. Ich gehe früh schlafen, es hält mich fit und gesund und ich will diesen Sport mit der Welt teilen. Es ist Teil meiner mittel- und langfristigen Ziele, und ich will eigentlich nichts anderes machen. Klettern ist zu meinem Lebensinhalt geworden.

Was hat Dich inspiriert, Dein eigenes Unternehmen „Climbing Puerto Rico“ zu gründen?

Als ich die Klettermöglichkeiten auf dieser Insel entdeckt habe, konnte ich nicht verstehen, warum sich das noch nicht herumgesprochen hatte. Damals, vor 10 Jahren, war die Klettergemeinschaft extrem klein. Es gab vielleicht 25 aktive Kletterer. Als ich mit dem Klettern anfing, hörte ich immer wenn ich mich mit Freunden traf die Standardfrage: „Hey, wie geht's, was machst du so?“ Meine Antwort: „Ich gehe momentan total gerne Klettern.“ Zu meiner Überraschung antworteten sogar Leute, von denen ich es nie erwartet hätte: „Wirklich? Das wollte ich auch schon immer mal probieren.“ Da erkannte ich, dass ein viel grösseres Interesse an dem Sport bestand, als ich dachte.

Zuerst startete Climbing Puerto Rico als Blog, der dazu diente, Informationen und Geschichten über das Klettern auf der Insel zu teilen. Später wurde eine Seite auf Facebook daraus, und nachdem wir auch auf Instagram aktiv wurden, konnten wir das eigentliche Potential der Insel mit der globalen Klettergemeinschaft teilen. Über die Facebook-Seite wollten wir die Leute informieren, dass Puerto Rico tolle Klettermöglichkeiten bietet. Für einen Beitrag von fünf US-Dollar haben wir Workshops angeboten, sodass wir uns anschließend immerhin etwas zu Essen leisten konnten. Nach 10 Workshops, an denen mehr als 100 einheimische Personen teilgenommen hatten, fragte ich die Leute im Team, ob sie in Reisen und Zertifizierungen investieren wollten, um Climbing Puerto Rico auf solide Füsse zu stellen und zu versuchen, von unserer Leidenschaft leben zu können. Gesagt, getan.

Der Ball kam langsam ins Rollen. Zwar langsam aber doch beständig – denn vom ersten Tag an nahmen das Interesse und unsere Kundschaft zu. Doch dann kam Maria, die den Tourismus auf unserer Insel vollständig zerstörte.

Was waren Deine ersten Gedanken, als der Hurrikan auf die Insel traf?

„Ok, alles klar...!“ Als der Hurrikan hier ankam, erinnerte ich mich an frühere Hurrikane und versuchte einfach, die Lage möglichst rational abzuschätzen. Es war eine Mischung aus „ok, zunächst müssen wir uns um unsere Sicherheit kümmern“ und „wenn das vorbei ist, sind wir sowieso erledigt“. Ich erinnere mich an die Bilder auf dem Radar am Tag bevor der Hurrikan eintraf, als ich zu meinen Freunden sagte: „Wir sehen uns nächstes Jahr, wenn sich der Staub gelegt hat“, und lachte. 

Wie hat sich das Ereignis auf Deinen Alltag ausgewirkt?

Es hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Von einem Moment auf den anderen gab es keine Kommunikation, keine Elektrizität, kein Radio, kein Internet, keine Lebensmittel, kein Benzin, nichts. Man konnte nur jeden Tag abwarten und sich auf die kleinen Aufgaben konzentrieren. Ich habe sofort begonnen, bei den Aufräumarbeiten zu helfen, um Zufahrten und Strassen durchgängig zu machen und mich dabei abzulenken.

Es waren alle davon betroffen, ich meine jede einzelne Person. Bei diesem Ereignis spielten sozialer Status oder wirtschaftliche Interessen keine Rolle, jeder litt darunter. Der Hurrikan zog eine Schneise der Verwüstung mitten durch die Insel.

Hast Du damit gerechnet, dass Du Deine Kletterfähigkeiten nach der Katastrophe hilfreich nutzen könntest?

So weit hatte ich nicht gedacht. Zunächst haben wir einfach nur versucht, mit der Situation vor Ort irgendwie klarzukommen. Es zeichnete sich jedoch vom ersten Tag an ab, dass mein Kletterkönnen hilfreich war, zum Beispiel als ich ein altes Kletterseil mitbrachte, einen einfachen Seilzug einrichtete und den richtigen Knoten an einem Transporter anbrachte, um grosse, schwere Holzbalken von der Strasse zu heben.  

Warst Du bereits in der Baumpflege tätig?

Es war ein grosser Vorteil, dass mein Partner bei Climbing Puerto Rico, Jorge Lassus, ein ausgebildeter Baumpfleger war, der auch sein eigenes Baumpflegeunternehmen führte. Von ihm lernte ich die Grundlagen. Bei unserem ersten Projekt kletterten wir sechs Wochen lang in Bäumen herum. Auf diese Weise konnte ich schnell mein Wissen und meine Fähigkeiten erweitern.

Wir alle brauchten ein Einkommen und haben die Gelegenheit gleichzeitig beim Schopf ergriffen. Es war ein tolles Gefühl, dieses neue Klettererlebnis mit meinem Team zu teilen.

Welches neue Kletterpotential hat Maria auf der Insel eröffnet?

Maria hat uns insofern einen Gefallen getan, als nun ein Sektor einer Wand frei liegt, an dem wir schon zuvor gearbeitet hatten. Wir glauben, dass wir an diesem Sektor acht neue Routen einbohren können. Die Farben und Strukturen an dieser Wand sind unglaublich, von grauen Tufas bis hin zu rosafarbenen Leisten.

Wie viele Routen hast Du mit Deinem Team bereits eingerichtet?

In dieser Gegend haben wir 23 Routen eingerichtet, 40 Routen auf der gesamten Insel, viele weitere Routen haben wir saniert. Ausserdem haben wir über 200 Boulderprobleme und die wichtigsten Bouldergebiete eingerichtet. 

Ist inzwischen wieder ein normaler Alltag eingekehrt? Wie sieht es aktuell in Puerto Rico aus?

Die Gegend rund um San Juan ist eine Blase. Oberflächlich sieht es so aus, als sei alles wieder ganz normal. Aber wenn Du herumfährst und genauer hinsiehst, wirst Du feststellen, dass noch immer viele Dörfer keinen Strom haben, Krankenhäuser und Hotels noch immer geschlossen sind, Strassen unbefahrbar sind und überall Berge von Schutt und Dreck herumliegen, die noch niemand abgeholt hat. Das Positive ist, dass Du den Kampfgeist der Menschen spürst. Die Leute hier sind stark und bereit, ihr Leben wieder aufzubauen. Die Vegetation hat sich auch erholt und entwickelt neue, starke Triebe und auch die Strände sind wieder sauber. Es gibt also keinen Grund, auf einen Besuch zu verzichten.

Wie sieht Dein Alltag jetzt aus?

Momentan führe ich kein normales Leben. Ich arbeite an einem anderen Projekt auf der Ostseite der Insel, 12 Stunden pro Tag, 6 Tage pro Woche. Ich arbeite als Baumkletterer und wir befreien alle staatlichen Strassen von Gefahren, zum Beispiel halb umgestürzte Bäume und dergleichen. Wenigstens darf ich bei dieser Arbeit klettern...

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