BD Athlet Jacopo Larcher ist mittlerweile ein echter Routinier im Trad-Klettern. Als einer der Ersten brachte er die Kraft eines 5.15-Sportkletterers in selbst abzusichernde Routen. Mit seiner Erstbegehung von Tribe (9a/5.14d) im Jahr 2019 galt Larcher schon früh als Anwärter auf eine der härtesten Trad-Linien der Welt. In Frankreich tat sich Jacopo kürzlich mit Connor Herson für Bon Voyage zusammen – eine legendäre Trad-Route von James Pearson mit dem beachtlichen Schwierigkeitsgrad 9a/5.14d. Sieh selbst, wie Jacopos jahrelange Erfahrung zu dieser eindrucksvollen Begehung beiträgt.

Mehr über die Zukunft des Trad-Kletterns auf höchstem Niveau erfährst du in diesem inspirierenden Essay von Jacopo selbst. 

DIE WACHSENDE TRAD-CLIMBING-COMMUNITY

Von Jacopo Larcher

Es ist ein anderer Umgang mit dem Fels als Ressource. Du formst ihn nicht nach deinen Bedürfnissen, sondern passt dich ihm an. Das ist ein fairerer Ansatz und zugleich eine anspruchsvollere Suche. Aber es ist ein unglaublich erfüllendes Gefühl, zurückzublicken und statt herumhängender Expressschlingen oder Bohrhaken nur schwache Chalkspuren zu sehen. Meistens lässt sich nach einem kräftigen Regen nicht einmal mehr erkennen, ob überhaupt schon jemand an diesem Stück Fels geklettert ist. Genau diese Kombination zieht mich zum Tradklettern.

Ich hatte früh das große Glück, dass mir ein Freund die Linie zeigte, aus der später Tribe wurde. Auch wenn ich es anfangs nicht ganz erkannte, war die Route genau das, wonach ich suchte: eine ästhetische, schwierige Linie mit gerade genug guten Placements, um sie sicher klettern zu können. Als ich begann, sie zu projektieren, hatte ich noch wenig Erfahrung im Tradklettern. Ich erinnere mich daran, wie ich mich einfach an ihr ausprobierte, ohne wirklich zu wissen, was ich tat. Ich hielt sie für extrem gefährlich und dachte, ich müsste sie perfekt einstudieren, bevor ich einen Versuch wagen konnte, da ein Sturz keine Option war. Mit der Zeit und nachdem ich an anderen historischen Linien Erfahrung gesammelt hatte, wurde mir klar, dass genau das Gegenteil der Fall war. Die Absicherung war gut. Manche Stürze hätten weit sein können, doch insgesamt war die Route sicher.

Dieses Projekt wurde zum Spiegel meiner Entwicklung als Tradkletterer. Saison für Saison konnte ich über sechs Jahre hinweg meine Fortschritte beobachten – nicht nur in der Route selbst, sondern vor allem beim Tradklettern insgesamt. Rückblickend war es ein unglaublicher Prozess, bei dem ich viel gelernt habe. Gleichzeitig hat er auch eine gewisse Leere hinterlassen, denn es wird schwer sein, noch einmal etwas Ähnliches zu erleben.

Nach Tribe ging meine Suche nach der nächsten Traumlinie im Tradklettern weiter. Doch mir wurde klar, wie schwierig es tatsächlich ist – und wie viel Glück ich gehabt hatte –, etwas zu finden, das körperlich so anspruchsvoll ist und sich dennoch absichern lässt.

Ich denke, das wird eine der größten Herausforderungen für die Zukunft des Sports, der meiner Meinung nach vielversprechende Perspektiven hat. In den vergangenen Jahren haben immer mehr Kletternde das Tradklettern für sich entdeckt, und viele starke Nachwuchstalente verschieben bereits die Grenzen des Sports. Für mich ist die Szene dynamischer geworden – und vor allem hat sich die Herangehensweise grundlegend verändert.

Früher konzentrierten sich die meisten Tradkletternden hauptsächlich auf diese Disziplin. Sie sammelten viel Erfahrung am Fels, gingen aber nur selten an ihre körperlichen Grenzen. So hatte sich der Sport schlicht entwickelt. Die neue Generation hingegen bringt die Mentalität des Sportkletterns und Boulderns ins Tradklettern ein – und verschiebt damit die Grenzen.

Immer mehr Kletternde bewegen sich auf höchstem Niveau. Zu erleben, mit welchen Fähigkeiten und auf welchem Level die jüngere Generation den Sport voranbringt, ist für mich unglaublich inspirierend und motivierend. Als ich mit dem Klettern anfing, wurde Trad meist von „älteren“ Kletternden betrieben. Es ist großartig zu sehen, wie jung die Trad-Szene inzwischen geworden ist. Das ist eine entscheidende Grundlage für die Zukunft des Sports.

Connor ist für mich das beste Beispiel dafür. Ich hatte das Glück, in den vergangenen Jahren einige Trips mit ihm zu unternehmen und seine unglaublich schnelle und steile Entwicklung mitzuerleben. Ihm beim Klettern zuzusehen – vor allem beim Absichern mit mobilen Sicherungsmitteln – verblüfft mich jedes Mal aufs Neue. Mit welcher Leichtigkeit er seine Sicherungen legt und wie natürlich und mühelos sein Rissklettern wirkt, ist einfach unglaublich. Angesichts dessen, was er bereits erreicht hat, kann man kaum behaupten, dass er erst am Anfang seiner Karriere steht. Doch wenn man sein Alter bedenkt, ist genau das der Fall. Ich bin sehr gespannt, wie weit er – und andere junge Kletternde – den Sport in den kommenden Jahren voranbringen wird. Sie haben ganz offensichtlich sowohl das Können als auch die Motivation, die Grenzen weiter zu verschieben.

Die Frage ist: Welchen Weg werden sie einschlagen? Körperlich extrem anspruchsvolle Linien zu finden, wird immer schwieriger. Schon jetzt ist es schwer, eine Sportkletterroute im Grad 9c zu finden – geschweige denn eine, die sich zusätzlich mit mobilen Sicherungsmitteln absichern lässt und sicher genug ist. Bei schwierigen und sicheren Trad-Linien wird es in Zukunft vielleicht mehr Begehungen von unten oder im Flash- bzw. Onsight-Stil geben, doch neue Linien dieser Art zu finden, dürfte immer schwieriger werden.

Der andere mögliche Weg besteht darin, sich auf gefährlichere, aber körperlich leichtere Linien zu konzentrieren, die einfacher zu finden sind. Das ist das andere Ende des Trad-Spektrums, das in den vergangenen Jahren weniger ausgereizt wurde. Früher erschlossen Kletterer auf 8b-Niveau lebensgefährliche 8a-Routen, aber keiner der 9b-Kletterer hat bisher eine wirklich gefährliche 9a-Linie erstbegangen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen lag der Fokus bei den jüngsten Trad-Routen am Limit meist auf technisch extrem schwierigem Klettern bei überschaubarem Risiko. Das könnte eine weitere Richtung für schwieriges Trad-Klettern in der Zukunft sein – eine kühnere mit größerem Potenzial, aber auch schwerwiegenderen Konsequenzen.


Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass diese „frische“, junge Energie im Trad-Klettern ein Geschenk war. Das Klettern mit Connor zum Beispiel hat mich noch stärker motiviert, alles zu geben und weiter nach meiner Traumlinie zu suchen.
⎯Jacopo Larcher

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